Sex-Kolumne

Singles am Fließband Tinder und Co.: Warum die Hoffnung zuletzt stirbt

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Alexander Scherb

Alex ist Germanist mit Leidenschaft und bei der Petra für die Themen Sex und Liebe zuständig. Was ihn daran fasziniert? Ganz einfach: Nichts kann so schön aber auch so schmerzvoll sein.

Ich gebe es offen zu: Auch ich habe Tinder genutzt als ich Single war. Und das sogar ausgiebig. Doch bevor Sie mich jetzt in die Schublade "typisch Mann" stecken, lassen Sie mich kurz erklären. Es ging mir nicht um die schnelle Nummer. Zumindest nicht vordergründig. Ich war wirklich auf der Suche nach einer festen Freundin, war aber auch gelegentlichem Sex nicht abgeneigt. Kurz gesagt: Ich war aufgeschlossen und wollte mich überraschen lassen. Nach einem Jahr des Wischens war die Ernüchterung groß. Beziehungsstatus: Immer noch Single. Unverbindlicher Sex: Ab und zu. Geführte Dates: Unzählige. 

Die Bar in der Hosentasche

Zunächst einmal eine kurze Einführung für alle, die Tinder und Co. tatsächlich noch nicht kennen sollten. Tinder ist eine App, die kostenlos heruntergeladen werden kann. Als Basis für Ihre Daten wird der Facebook-Account genutzt. Kein Facebook, kein Tinder. Haben Sie Fotos, Vorlieben und andere Informationen bearbeitet, kann es auch schon losgehen. Ihnen werden Bilder anderer Singles gezeigt, welche Sie mit einem Wisch nach links ablehnen oder mit einem Wisch nach rechts annehmen können. Sollte die Person, welche Sie als Interessant markiert haben, Sie nun ebenfalls nach rechts wischen und damit an Ihnen Interesse zeigen, öffnet sich ein Chatfenster und man kann eine Unterhaltung beginnen. Das war es auch schon. Den Rest erledigen Sie als Nutzer selbst.

Das alles klingt ziemlich oberflächlich, da man ja nur nach dem Aussehen urteilt und ehrlich gesagt ist es das auch. Doch ich möchte an dieser Stelle direkt eine Lanze für diese Art von Partnerbörsen brechen. Stellen Sie sich vor, Sie sind Single und gehen in eine Bar oder in einen Club. Eigentlich sind Sie nicht auf der Suche, aber wer weiß schon was passieren kann? Also schauen Sie sich um. Die meisten Männer (oder Frauen) sagen Ihnen nicht zu, aber in der hinteren Ecke, da steht jemand, den Sie ziemlich attraktiv finden. Sie würden die Person gerne kennenlernen. Also fangen Sie an zu flirten. Und nun frage ich Sie: Wo ist an dieser Stelle der Unterschied zu Tinder? Entscheiden wir in solchen Situationen nicht auch nur nach dem Aussehen? Ist das Abschätzen der Personen im Raum nicht genau das Gleiche wie das Wischen nach links oder rechts?

Die Krux mit der Oberflächlichkeit

Tinder steht damit im krassen Gegensatz zu Kontaktbörsen wie Parship, Elitepartner oder eDarling, welche versuchen mit möglichst hohen Übereinstimmungen Singles zusammenzubringen. Partnervorschläge werden dort nur dann gemacht, wenn beide Personen möglichst viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Das soll die Chance auf den Traumpartner erhöhen. Und tatsächlich kenne ich einige Paare in meinem Bekanntenkreis, die sich über diese Partnervermittlungen kennengelernt haben. Auch Tinder wird von vielen Singles in meinem Freundeskreis genutzt, eine Beziehung ist daraus aber noch nicht entstanden. Das hat diesen Apps den Ruf von reinen Sex-Apps eingebracht. Warum sind Tinder und Co. so verrufen? 

Ich kann jetzt natürlich nur aus meiner Perspektive sprechen, aber ich denke der Grund dafür ist offensichtlich. Bei meinen Dates hatte ich oft den Eindruck nicht der einzige Mann zu sein, der gerade aktuell ist. Und auf Nachfrage gaben viele Frauen sogar ganz offen zu noch gleichzeitig mit anderen Männern zu chatten oder sich gar mit ihnen zu treffen. Dating am Fließband! Wie sollen denn da Gefühle aufkommen? Auch ich hatte teilweise mehrere Dates in der Woche. Und ständig hatte ich im Hinterkopf: "Ja, die Frau ist sehr nett, aber vielleicht ist die Frau morgen ja noch viel netter." Hier liegt wohl der größte Unterschied zwischen einem Kennenlernen in einer Bar und einem Kennenlernen auf Tinder. Denn lernt man jemanden in einer Bar oder einem Club kennen, ist der Fokus auf diese Person gerichtet (natürlich gibt es Ausnahmen). Es gibt niemand anderen, der noch im Hinterkopf herumspukt.

Nur die schnelle Nummer

Eine Sache habe ich bei der Erklärung über den Aufbau von Tinder vergessen. Man kann nämlich noch einen kleinen Text über sich verfassen. Dieser hat ungefähr die Größe eines Tweets und soll mehr über die Person verraten. Ich kann gar nicht sagen wie oft ich Texte gelesen haben, die ausdrücklich darauf hinwiesen, dass die besagten Frauen nicht am schnellen Sex interessiert seien, sondern ernsthafte Beziehungen suchen würden. Und verheiratete Männer sollten doch die Frage nach einem Seitensprung tunlichst unterlassen. Es ist die traurige Seite dieser Dating-App, dass manche Männer sie eben auch gerne als Sex-App missbrauchen. Anders als in einer Bar kann hier aber schon beim anschließenden Chatten durch Fragen gefiltert werden. Das ist zwar lästig, erspart aber zumindest ein echtes Kennenlernen.

Mein Rat ist deshalb: Sollten Sie wirklich auf Partnersuche und an solchen Apps interessiert sein, müssen Sie sich für Tinder, Lovoo und Co. ein dickes Fell zulegen. Ein Flirt ist hier nämlich genauso schnell gefunden wie die unsägliche Anmache manch geistig umnachteter Männer. Nun bin ich ja ebenfalls ein Mann und diesen Idioten natürlich nicht ausgesetzt. Zumindest habe ich keine Frau kennengelernt, die mich im Laufe des Gesprächs mit einer Beichte über ihren Lebenspartner überraschte. Die Erfolgschancen den Mann oder die Frau fürs Leben zu finden, scheinen bei Parship und anderen Partnervermittlungen allerdings doch höher zu liegen. Natürlich kann und möchte ich nicht ausschließen, dass dies auch auf Tinder möglich ist. Liebe auf den ersten Blick kann ja nunmal auch bei Fotos funktionieren. Vielleicht bin ich aber auch nur ein hoffnungsloser Optimist.

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Schlagworte
Beziehung | Liebe | Lust | Sex
Autor
Alexander Scherb