Liebe & Psyche

Liebe Tschüss Traummann - geben Sie den Unperfekten eine Chance!

Vergessen Sie den Märchenprinzen. Erstens ist die Suche nach ihm anstrengend, zweitens machen uns Männer mit Ecken und Kanten viel glücklicher. Wir sagen: Geben Sie den Unperfekten eine Chance!
Mann mit Blumen
  

Mal angenommen, wir lernen einen neuen Mann kennen. Torben. Sagen wir es gleich: Er entspricht nicht dem Traumbild. Die Funken sprühen zunächst nur beim Kontakt mit seinem Synthetik-Pulli. Doch er entpuppt sich als witziger und intelligenter Typ. Mit Torben bekommt man nicht gleich weiche Knie, aber stabile Werte wie Respekt, Treue und tiefes Verständnis. Doch nach sechs Monaten kommen einem leise Zweifel. Daran, ob es reichen wird für das große Glück. Und tschüss, Torben. Vier Wochen später trifft man dann ihn! Nennen wir ihn Tom. Toll, mit Tom stimmt die Chemie auf Anhieb! Er mag die gleiche Musik, ist intelligent, erfolgreich, superattraktiv, cool, beliebt. Auf jeder Party ein Magnet. Endlich, denkt man. Endlich geht man mit dem Mann aus, von dem man meint, er sei der Richtige – nur um später festzustellen, dass er egozentrisch, arrogant, humorlos und ziemlich gemein ist.

Man und Frau mit Fragezeichen
Kann man die Liebe steuern?

So mancher Traummann wird ganz einfach übersehen

Wie viele Torbens, Stefans oder Heikos haben wir in unserem Leben schon übersehen oder einfach gleich abserviert, während wir den einzig wahren Traumprinzen jagten? Männer, die uns den roten Teppich ausrollten, über den wir wie über einen alten Fußabtreter trampelten? Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es geht nicht darum, für alle neurotischen Versager dieser Welt die Arme zu öffnen. Aber hat nicht jede von uns mindestens einen dieser Männer in ihrer Biografie, der nicht ganz perfekt, aber bestimmt doch mehr als gut genug gewesen wäre?

Manchmal war es nur diese Nichtigkeit, die störte – ein bisschen zu still oder zu laut, zu wenig nachdenklich oder zu grüblerisch. Auf die Dauer nervte es, dass er seine Stimme manchmal albern verstellte oder seine Chipskrümel im ganzen Bett verteilte. Das ging nun alles gar nicht. Ein erwachsener Mann sollte nun wirklich wissen, was sich gehört und was nicht… Nicht nötig zu erwähnen, dass besagtes Mängelexemplar längst wieder glücklich vergeben ist. Und man selbst weiter auf der Suche. Nach dem perfekten Mann.

Früher verliebten wir uns einfach

„Warum ist die Suche nach der Liebe nur so vertrackt?“, fragte sich die amerikanische Autorin und Beziehungsexpertin Lori Gottlieb. Und fand Antworten: Früher verliebten wir uns einfach. Wir hinterfragten die Gründe nicht, weil es sich einfach gut anfühlte. Aber mit jedem Kerl, der kam und wieder ging, wurde die Sache komplizierter – und die Wunschliste mit den Kriterien länger. Hier nur ein kleiner Ausschnitt: Groß, witzig, intelligent, interessiert, einfühlsam (keine Klette), kreativ, gutverdienend, verlässlich, sportlich (aber nicht sportverrückt) sollte er bitte schön sein. Warum auch nicht? „Die jetzige Generation der 30- bis 40-jährigen Frauen ist die erste, die seit der Frauenbewegung in den 70ern als Modernisierungsgewinnerin gilt“, erklärt die Psychologin Lisa Fischbach. „Es sind Frauen, die über eine gute Ausbildung, einen interessanten Job und eigenes Geld verfügen.“ Für die Liebe folgt daraus: Wer selbst viel zu bieten hat, darf auch hohe Erwartungen an sein Gegenüber stellen. Doch da liegt das Problem: Nicht an jeder Ecke wartet ein Mr. Big, der sie auch erfüllt. Müssten wir unsere Ansprüche nicht ein wenig auf den Prüfstand stellen?

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Da draussen sind viele Prinzen unterwegs

Die gute Nachricht vorab: Wir können die Suche nach dem großen Prinzen einstellen. Denn es gibt ihn nicht – sondern gleich viele davon. Viele kleine Prinzen, die zu uns passen. Mit jedem wird das Leben ein bisschen anders sein. Anders vor allem als unser Wunschbild. Mit dem strubbeligen Musiker unsteter als mit dem gestriegelten Banker. Mit dem Filmfreak ruhiger als mit dem Hobbytaucher. Wir müssen uns nur irgendwann für eins dieser Leben entscheiden und sagen, das ist jetzt meins.

Das antiquierte Ideal des Seelenpartners kann uns auch eigentlich gestohlen bleiben, denn: „Das Ich-mag-alles-was-dumagst-Konzept empfinden viele Frauen heute eher als bedrohlich“, sagt Single-Coach und Psychologin Lisa Fischbach. Warum? Weil es furchtbar langweilig werden wird. Weil sich dieser Du-bist-alles-fürmich-Typ jeder Ecke unserer Seele annehmen und sich dort ausbreiten wird, bis wir selbst keinen Platz mehr darin haben. Oder wollen Sie ernsthaft einen Partner, der Ihre Sätze vervollständigt, Ihnen wie Ihr eigenes Spiegelbild vorkommt? Gähn. Fischbach legt uns daher einen Mann mit Ecken und Kanten ans Herz, an dem man sich immer mal wieder abarbeitet, mit dem es aber nie langweilig wird. Mit dem wir nicht komplett verschmelzen, aber ein gutes Team abgeben. „Suchen Sie nicht die perfekte Person, suchen Sie den perfekten Partner“, rät die Beziehungsexpertin Lori Gottlieb.

Wir wünschen uns meist nicht das, was wir wirklich brauchen

Die Krux ist auch: Manchmal verwechseln wir Wünsche mit echten Bedürfnissen. Das, was wir wollen, entspricht nicht immer dem, was wir wirklich brauchen. Stichwort Beuteschema: Da glaubt eine Frau, einen galanten, männlichen Typen zu brauchen, dabei wäre ein aufmerksamer, humorvoller und verlässlicher Mann viel besser für sie. Und wie schnell sagen wir bei einem flüchtigen Blick auf ein Foto: Nicht mein Typ! Aber können wir uns wirklich so sicher sein? „Es gibt so etwas wie einen vorschnellen Instinkt – und einen verlässlicheren, der völlig anders urteilt, als wir es vorher erwartet hätten“, fand der amerikanische Sozialpsychologe Eli Finkel heraus: In Speed-Dating-Experimenten entschieden sich die Probanden später mehrheitlich gegen ein Treffen mit jenen Kandidaten, denen sie zuvor auf einem Frage bogen die meisten ihrer Wunschkriterien zugeordnet hatten.

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Wunschlisten schreiben

„Die besten Eigenschaften springen einem sowieso nicht gleich ins Auge“, sagt Gottlieb: Güte, Geduld oder Aufrichtigkeit. Bescheidenheit. Solche Qualitäten wollen erst entdeckt werden. Ein anderes Dilemma sieht der amerikanische Psychologe Barry Schwartz in unserem ständigen „Maximierungsdenken“: „Wir schielen ständig danach, ob sich nicht noch etwas Besseres findet. Doch je mehr wir danach suchen, desto unvollkommener erscheint uns unser Partner oder potenzieller Partner – auch wenn der unterm Strich ein genauso prima Typ ist wie der, nach dem wir schielen.“ Um uns selbst und unseren wahren Bedürfnissen auf die Schliche zu kommen, kann es helfen, eine Liste mit echten Wünschen zu erstellen und diese dann auf die wichtigsten drei zu reduzieren, rät Lori Gottlieb. „Das schützt davor, einen Kandidaten sofort auszusortieren, nur weil er die falsche Haarfarbe hat oder spießige Hosen trägt – an Letzterem lässt sich schließlich immer noch arbeiten.“ Es fängt ja schon damit an, dass es einen sofort umhauen muss. Ohne raketenhaften Start keine Traumbeziehung. Eine der spannendsten Erkenntnisse von Partnerschaftsforschern widerspricht dem jedoch: Das erste Date ist gar nicht das Entscheidende. Was zählt, ist der zweite Blick. Oder der dritte – nur bei vielen kommt es gar nicht dazu.

Ein „Gut genug“-Mann löst vielleicht keine übermäßige Adrenalinausschüttung bei uns aus, dafür aber gehen wir entspannter an die ganze Sache heran. Letzen Endes erkennen wir auch schneller, was wir an ihm haben. Und stellen fest, dass man in seiner Nähe einfach glücklich ist. Da kann es einem herzlich egal sein, welche CD er im Auto einlegt oder dass er sein Studium abgebrochen hat. „Wir urteilen oft viel zu schnell über einen potenziellen Partner und verpassen dadurch vielleicht die besten Chancen“, sagt Lisa Fischbach. Vielleicht gibt es am Anfang kein Knopfdruck-Kribbeln – aber plötzlich ist es Liebe.

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Schlagworte
Liebe | Männer | Partnerschaft
Autor
Friederike Schön