Liebe & Psyche

Lieben Herz oder Verstand?

Früher verknallte man sich Hals über Kopf – und gern in den Falschen. Heute warten wir nicht mehr, bis der Mann fürs Leben endlich auftaucht, sondern fangen lieber selbst an, mögliche Kandidaten zu sortieren. Aber funktioniert das überhaupt, die große Liebe mit dem Verstand statt mit dem Herzen zu suchen?
Den richtigen Mann suchen
   

Der Schaukelstuhl knarzt schon ein wenig, davor sitzt die Enkelin mit roten Wangen und lauscht einer Liebesgeschichte, die schöner nicht sein könnte. „Und da stand dein Opa vor der Tür: klitschnass vom Regen, mit einem Strauß Blumen, die er in unserem Garten stibitzt hatte, und auf seinen Lippen dieses Lächeln, das ich noch immer so sehr liebe. Er hat damals nicht locker gelassen, bis er meinen Namen herausgekriegt und mich gefunden hatte ...“ Hach ja. Schmacht vom Feinsten. Und zwar nicht gefakt für einen Film, sondern aus dem Leben gegriffen.

So soll es doch sein, wenn man den Mann fürs Leben kennenlernt, oder? Er muss ja nicht gleich als Prinz auf dem Schimmel daherkommen. Und ganz so kitschig wie im Märchen muss es auch nicht zugehen. Aber mystisch sollte der Moment sein. Mit einem Sirren in der Luft und dem beiderseitigen Wissen: Die Suche ist beendet – jetzt fängt die wahre Liebe an. Dumm nur, wenn der Moment noch immer auf sich warten lässt. Wenn der Prinz sich einmal zu oft als Ferienflop, Langzeitlangweiler oder zukunftslose Affäre entpuppte. Oder man sich in das eigene Vorankommen so vertieft hat, dass das „Ich wär’ dann so weit“ irgendwie keiner gehört hat. Jetzt flackern schon ziemlich viele Kerzen auf der Geburtstagstorte – und Mister Big hat offenbar immer noch Wichtigeres zu tun, als uns zu entdecken. Aber dem Schicksal auf die Sprünge helfen? Das widerspricht ja irgendwie dem Wortsinn. Und liefert keine gute Lovestory für die Enkel.

Der Trend zeigt trotzdem, dass 30- bis 40- Jährige sehr viel systematischer an die Partnersuche gehen, als sie es sich ein paar Jahre vorher noch hätten träumen lassen. Einfach weil Gelegenheit nun mal keine Liebe macht, wenn die Zeit zu knapp und der Tag mit Arbeit vollgepackt ist. Und weil wir es leid sind, immer wieder von vorn anzufangen, Pläne aufzuschieben, dem Partner in die Puschen zu helfen, damit auch er irgendwann mal so weit ist – emotional und finanziell. Vor fünf Jahren war es ja noch ansatzweise süß, wenn der Kerl sich wie das Kind benahm, das man jetzt gern von ihm hätte. Mit ihm das Sparschwein zu knacken und die Welt zu bereisen, das hatte eindeutig mehr Sex, als tüchtig aufs Gemeinschaftskonto einzuzahlen, damit mal was Nachhaltiges dabei herumkommt. Und wenn damals unterwegs jemand Cooleres daherkam, wurde eben umgesattelt, selbst wenn auch der nicht als „Dauermann“ taugte. Unvernünftig, wild und experimentierfreudig zu sein, das war halt aufregend, kitzelte und engte nicht ein. Aber je mehr Beziehungen in die Brüche gehen, je mehr wir uns weiterentwickeln und je deutlicher die eigenen Ziele werden, desto besser wissen wir auch, was wir von einer Partnerschaft wollen, wer offensichtlich nicht in den Plan passt, was uns langfristig guttut und wer uns nur mal kurz kickt.

Kein Wunder, dass mittlerweile 5,5 Millionen deutsche Singles auf die Matching-Instrumente im Internet anspringen, statt sich vom Schicksal vertrösten zu lassen. Auf Portalen zur Partnersuche lässt sich schließlich ganz genau angeben, wie es um den Mann fürs Leben bestellt sein soll: Per Persönlichkeitstest und exakten Suchkriterien packt man potenzielle Traumpartner in den Warenkorb, die auf den ersten Blick all das erfüllen, was man sich so vorstellt. Seine Ansichten kann man in Mails antesten, sein Aussehen vorab checken – und wenn alle Vernunfts kriterien ziehen, vorsichtig feststellen, ob es vielleicht funkt. Dann hat’s zwar anfangs „Klick“ statt „Zoom“ gemacht – aber besser eine vernünftige Anbandelung als gar keine. Knistern kann’s ja dann beim ersten Kuss auch noch.

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