Liebe & Psyche

Happiness-Forschung Glück für Fortgeschrittene

Mannometer, jetzt reicht’s auch mit dem positiven Denken. Die angestrengte Suche nach dem Dauerhoch können wir uns ab sofort sparen – denn wer verbissen guten Gefühlen hinterherjagt, enttäuscht sich am Ende nur selbst. PETRA-Autorin Verena Carl über die neuesten Erkenntnisse der Happiness-Forschung – und warum es manchmal sogar gut ist, mies drauf zu sein.
Frau im Regen
    

Eigentlich ist Arnold Retzer ein umgänglicher Mensch. Das Thema Glück allerdings, das bereitet dem Heidelberger Psychologen und Autor ziemlich schlechte Laune. Anders gesagt: „Miese Stimmung“. So jedenfalls heißt sein neues Buch, Untertitel: „Eine Streitschrift gegen positives Denken“. Denn wenn Retzer eines nicht leiden kann, dann sind es populäre Glaubenssätze wie: „Du kannst alles schaffen, wenn du nur willst“ oder „Jeder ist für sein Glück allein verant- wortlich“. Alles Humbug, findet Retzer: „Indem wir permanent versuchen, gute Stimmung zu erzeugen, erzeugen wir schlechte. Weil wir so größenwahnsinnig sind, dass wir glauben, wir hätten Erfolg und Glück selbst in der Hand. Weil wir zwangsläufig an unseren eigenen Ansprüchen scheitern – und uns auch noch dafür schämen.“

Ganz konkret: Wer trotz aller Anstrengungen Single bleibt, wer bei der Jagd nach der coolen Maisonettewohnung jedes Mal von Mitbewerbern ausgestochen wird – der hat nach dieser Logik nicht nur Pech, sondern ist schlicht zu blöd fürs Glück. Dann hat er eben nicht fest genug daran geglaubt, war innerlich zu negativ. Doppelt bitter. Retzer hält es lieber mit den alten Römern: Deren Göttin Fortuna verteilte Glück nach dem Zufallsprinzip. Und nicht an den, der am lautesten schreit.

Bastelanleitung füs Glücklichsein? - Gibt es nicht.

Retzer schwimmt mit seinen Thesen gegen den Strom, aber dort schwimmt er nicht allein. In den letzten Jahren wurde zunehmend Kritik laut an selbst ernann- ten Propheten, die uns unfehlbare Bastelanleitungen für das Glück versprechen. Die uns vorgaukeln, wir müssten unsere Wunschliste nur beim Universum abgeben oder uns eben mal so richtig anstrengen, um happy zu werden. Egal, ob wir uns nach dem richtigen Mann sehnen, einem erfüllenderen Job oder genü- gend Geld für die neueste It-Bag.

Auch die Psychologin und Autorin Ilona Bürgel warnt ihre Klienten vor der „Glücks-Falle“: „Wir wissen heute, dass ständiges Streben nach Höhepunkten eher frustriert. Stattdessen sollten wir auf die vielen täglichen kleinen Glücksmöglichkeiten achten“. Arnold Retzer nennt das „die Banalität des Guten“. Er erklärt: „Wer nur die Extreme der Skala im Auge hat, Glücksrausch und Verzweiflung, übersieht das Angenehme in unserem Alltag.“ Klar: Wenn wir ständig dem Endorphin-Kick der ersten Verliebtheit hinterherjagen, können wir die Normalo-Nummer nach ein paar Beziehungsjahren kaum schätzen. Dabei macht die auch glücklich – nur nicht auf die himmel-schreiende, extreme Art.

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Schlagworte
Lifestyle | Persönlichkeit | Psychologie
Autor
Verena Carl