Liebe & Psyche

Freundschaft Generation Unverbindlich

„Vielleicht“ lautet das Lieblingswort der Generation Unverbindlich, die es nicht ertragen kann, sich festzulegen. Zum Glück kehrt sich dieser Trend gerade um.
   

Neulich war ich auf der Party einer befreundeten Kollegin. Sie feierte ihren runden Geburtstag, außerdem ihre Verlobung, die Doktorarbeit ihres Zukünftigen und das Leben im Allgemeinen. Ein groß angelegtes Fest, mit atemberaubender Location, richtig gutem Essen und langer Gästeliste – aber leider sehr wenigen Häkchen dahinter. Von 90 eingeladenen Freunden und Bekannten, Kollegen und Kumpels erschienen 20. Und das, obwohl die Gastgeberin Monate vor dem Event eine Save-the-Date-Mail verschickt hatte, des Weiteren eine aufwendig gestaltete postalische Einladung und schließlich – eine Woche vor
her – noch einen Reminder.
Die Absagen reichten von 
„Sorry, ich hatte total die
anstrengende Woche“-SMS 
über „Ich hab da leider schon
 einen anderen Termin“-
Anrufe bis zur Null-Nach
richt, nämlich dem bloßen 
Ausbleiben von Menschen,
die zugesagt hatten. Ich habe
 mich an diesem Abend sehr nett unterhalten (laut war es ja nicht), noch mehr gegessen (es musste ja weg) und nebenbei meine Freundin beobachtet, die sich tapfer über die leere Tanzfläche bewegte und gute Miene zu bösem Spiel machte.

Sie ist nicht unbeliebt – nur einfach ein Opfer unserer unverbindlichen Zeit. Weil man sich heute eben alles bis zum letzten Moment offenhält und nur „wahrscheinlich“ Zeit hat, um ja flexibel zu bleiben. Weil man sich davor scheut, Entscheidungen zu treffen – es könnte ja die falsche sein –, und lieber locker durch die viel zitierte „Multioptionsgesellschaft“ hoppt. „Verbindlich zu sein bedeutet, sich auf etwas festzulegen, Verantwortung zu übernehmen, Erwartungen erfüllen zu müssen – das schreckt viele ab“, sagt Gabrielle Rütschi, die über das Phänomen ein Buch mit dem Titel „Vielleicht“ (BoD, 172 S., 22,60 Euro) veröffentlicht hat. Die Schweizer Psychologin beobachtet das moralisch fragwürdige Verhalten in allen Bereichen des menschlichen Miteinanders: Längst sind wir dazu übergegangen, Partnerschaften nicht zwingend fürs Leben, sondern für Lebensabschnitte einzugehen – solange sie uns eben in den Kram passen und weder einengen noch allzu viel Arbeit bedeuten.

Verträge unterschreiben wir mit einem leichteren Gefühl, wenn sie befristet und jederzeit kündbar sind. Und Freunde sind nur so lange eng, wie sie Fehler verzeihen, entspannt bleiben und kein Drama aus Aktionen machen, die halt „dumm gelaufen“ sind: aus Vereinbarungen, die zwar getroffen wurden, aber offenbar nicht für beide Seiten gleichermaßen
verbindlich. Aus Verspätun
gen, die vorhersehbar waren,
 aber einfach nicht mitgeteilt
 wurden. Aus Verabredungen,
 die erst im dritten Anlauf zustande kommen. Ich persönlich hasse diese Haltung. Kann es nicht ausstehen, die Leidtragende zu sein, wenn ich mich selbst anstrenge, um etwas einzuhalten, und der andere nicht. Finde es respektlos, per SMS abzusagen, nur weil es so am bequemsten ist. Was soll denn bitte der Vorteil an dieser anstrengenden Art des Miteinanders sein?

„Unverbindlichkeit wird heute oft mit individueller Freiheit verwechselt“, sagt Rütschi. „Viele Menschen glauben, ihr Leben am besten bereichern zu können, indem sie alles Mögliche mitnehmen, allen Neigungen nachgehen, jedes Angebot in Erwägung ziehen.“ Es erscheint ja auch erst mal relativ uncool, sich freiwillig einzuschränken und sich auf eine Sache festnageln zu lassen. Das fühlt sich weder leicht an, noch kommt es lässig rüber. Und die geheimnisvolle Aura geht irgendwie auch flöten. In Wahrheit, so die Psychotherapeutin, führe diese Alles-ist-möglich-Mentalität vielfach zu innerer Unzufriedenheit: weil man nichts richtig anpackt, überall mal mit-, aber nichts zu Ende macht und vielleicht viele kennenlernt, aber dabei immer an der Oberfläche bleiben wird. Schließlich beinhaltet Unverbindlichkeit ja, dass man spielt, nicht streitet; den schönen Schein wahrt, statt sich un
geschminkt zu zeigen. Und 
da das keiner dauerhaft 
durchhält, wird immer wie
der von vorn angefangen,
 statt sich ernsthaft mit dem eigenen Wertesystem auseinanderzusetzen.

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