Liebe & Psyche

Musiktipp Gefühlvoller Jazz für kalte Tage

Marc Secara now and forever

Manch ein Klischee wider setzt sich sehr hartnäckig seiner gerechten Ausrottung. So wie jenes, das besagt, Jazz sei Musik für intellektuelle Menschen fortgeschrittenen Alters, die beim Hören Rotwein trinken und Zigarre rauchen. Und vor allem: Musik für Männer. Armer Jazz. Das hat er nun wirklich nicht verdient. Denn tatsächlich ist er eine der gefühlvollsten Ausdrucksformen, die die Musik zu bieten hat, wie der Blues hervorgegangen aus den oft klagenden Liedern afroamerikanischer Sklaven. Das komplizierte Getröte, das viele schaudernd mit dem Wort „Jazz“ verbinden, ist eben nur eine der vielen Richtungen, in die sich diese Form der Musik entwickelt hat.

Doch es gibt deutliche Zeichen dafür, dass wir das Jazzklischee bald überwinden werden, und diejenigen, die daran arbeiten, sind vor allem Frauen. Sie stehen in bester Tradition, denn auch die berühmtesten Jazzsänger der Geschichte waren weiblich: Ella Fitzgerald, Nina Simone, Billie Holiday. Über Letztere sagte Norah Jones einmal, dass man durch ihren Gesang in ihr Herz und ihre Seele sehen konnte. Und so sehr auch Louis Armstrong oder Frank Sinatra große Jazzsänger waren, niemand konnte dieses Offenbaren einer ganzen Gefühlswelt durch ihre Stimmen so zulassen wie diese drei weiblichen Genies.

Anders als die drei Vorreiterinnen besteht die neue Generation vor allem aus Europäerinnen. Seit Kurzem ist sogar eine Deutsche dabei: Jasmin Tabatabai. Ihr Album „Eine Frau“ enthält deutschsprachige Klassiker wie „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“, vertonte Gedichte von Tucholsky und einige Neukompositionen, eingespielt in einem lässigen, sanft swingenden Sound. Fragt man Tabatabai, warum sie sich nun ausgerechnet dieser recht alten musikalischen Form zugewandt hat, kontert sie, Jazz sei nicht alt, sondern zeitlos: „Klassiker wie ,Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?‘ sind zeitlos und großartig und man muss sie einfach immer wieder singen und aufnehmen.“

So echt wie moderner Jazz klingt kein Popalbum

Entstanden ist „Eine Frau“ in Zusammenarbeit mit dem deutschen Komponisten David Klein. Die beiden lernten sich vor zwölf Jahren bei Aufnahmen für den Soundtrack der Tucholsky- Verfilmung „Schloss Gripsholm“ kennen. „Seit dieser Zeit sagte er regelmäßig zu mir: ,Du musst mal eine Jazzplatte machen.‘ Da ich seine Kompositionen für Gripsholm auch nach all den Jahren sehr liebe, da ich große Lust hatte, etwas Neues auszuprobieren und weil ich von seinen neuen Liedern begeistert war, fiel mir die Entscheidung nicht schwer.“

Für Popmusiker ist Jazz eine Liebe, an die sie sich herantasten müssen – Tabatabai nahm ihren ersten Jazzsong bereits 1997 für den Soundtrack des Films „Bandits“ auf und brauchte 14 weitere Jahre, bis sie sich an ein ganzes Album wagte – doch wer ihre Musik hört, verfällt ihr auf der Stelle. Auch der lockere, swingende Gesang von Viktoria Tolstoy mit ihrem klassischen, ungeschliffenen Sound wickelt Zuhörer intensiver ein als die meisten Popalben. Oder wie wäre es mit der umwerfend wandelbaren Ida Sand, die mühelos zwischen Gospel und Swing pendelt? Der Jazz des 21. Jahrhunderts ist mittlerweile die musikalische Heimat einiger der schönsten Stimmen, der gefühlvollsten Songs und der lebendigsten Arrangements – frei von jeglicher Künstlichkeit aus dem Computer. Es gibt also viel zu entdecken, wenn sich die Blätter verfärben, das Sofa lockt und uns die Sehnsucht nach wärmenden Klängen packt…

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Frauen | Lifestyle | Musik