Liebe & Psyche

Lieben Nicht streiten, bitte!

Dinge ausdiskutieren oder schweigen

"Faires Streiten gibt es nicht"

Tipps für eine glückliche Beziehung
Tipps für eine glückliche Beziehung
Du mich auch!“ „Ich hab es echt satt!“ Türenknallen. Worum ging es hier noch mal? Ist auch egal. So ein böser Streit kann ja in jedem Fall reinigend wirken. Sagt man. Wie ein Gewitter, mit ordentlich Blitz und Donner, schließlich müssen sich Wut und Enttäuschung mal entladen dürfen. Wir dachten ja immer, es sei sehr erwachsen und reif, sich zu streiten. Schließlich will Streiten gelernt sein und erfordert jede Menge Mut. Konfliktscheu, harmoniesüchtig, das kam auf der schwarzen Liste gleich hinter feige. Jenseits des Alters, in dem man mit Bauklötzen wirft, müsste man sie gefälligst draufhaben, die Kunst der Auseinandersetzung, oder? Probleme lieber gleich ausdiskutieren als sie aussitzen. Jetzt gibt es die Gegentheorie für die Harmonietiere unter uns: Streiten ist out! Kreischen, Schreien und mit den Füßen stampfen ungefähr so yesterday wie Polonaise tanzen und Eierlikör trinken. Ja aber, werden manche sagen, ist Streiten denn nicht normal? Leben nicht Millionen von Therapeuten davon? Eben, könnte man genauso gut erwidern, deshalb ist es ja so grundfalsch – weil diese mitunter skurrile Form der Kommunikation (man stelle sich nur die fiesen Fratzen vor, die wir dabei schneiden, ohne es zu merken) nicht funktioniert. „Selbst der beste Streit macht nicht glücklich, und faires Streiten gibt es nicht“, bestätigt der Psychologe Christian Thiel („Was glückliche Paare richtig machen“, Campus, 206 S., 19,99 Euro).
 

Lange Diskussionen als Methode gegen Streit?

Frau auf Sofa
Ehrlichkeit in der Beziehung
Langzeitstudien mit Paaren belegen es inzwischen: Die glücklichen unter ihnen haben keinen Kurs in fairem Streiten hinter sich und diskutieren selten über ihre Probleme. Die meisten gehen Konflikten sogar konsequent aus dem Weg. Das große Problem beim Streiten ist ja: Anstatt die Sache zu begraben, poppt sie bei nächster Gelegenheit wieder auf. „Wenn Paare aneinander geraten, dann meist heftig und im Ergebnis sinnlos“, weiß Thiel aus seiner Erfahrung als Paartherapeut. „Im Streit kommen Affekte wie Wut, Neid oder Eifersucht an die Oberfläche, die ungebremst enormen Schaden anrichten.“ Und Spuren hinterlassen. Ob Sie’s glauben oder nicht, aber unsere Streitkultur entstand erst in den wilden 68ern. Da dachten Paare, es sei supermodern und aufgeklärt, den anderen offen mit unerfüllten Bedürfnissen zu konfrontieren. Ihm die zutiefst enttäuschten Erwartungen einfach vor die Füße zu werfen. Es sei zwingend notwendig, sich zu streiten. Ein sicheres Zeichen von Gleichberechtigung! Wir erinnern uns: Männer und Frauen sollten jetzt gleich viel zu bestimmen haben und im Zuge dessen Konflikte frei austragen, nach dem Gefühlssturm würde die Luft dann wieder rein sein. Aus dieser Entwicklung entstand die Theorie des richtigen Streitens. Die Verfechter der sogenannten Ich-Botschaften („Ich spüre Ärger in mir aufsteigen, wenn ich das dreckige Geschirr sehe, das du abwaschen wolltest“) wähnten sich gegenüber den wütend herumhüpfenden Rumpelstilzchen unter uns klar im Vorteil. Der Psychologe Michael Lukas Möller erfand sogar extra eine Methode für Paare: Sie verabreden sich dafür zu regelmäßigen „Zwiegesprächen“, bei denen jeweils einer 15 Minuten am Stück reden darf. Bei der Gelegenheit kommt dann alles auf den Tisch, was stört. Für Geduldsmenschen sicher eine Bombenlösung. Andere werden allerdings kribbelig bei so viel Redezeit. Und überhaupt: Die Liebe beginnt ja in der Regel völlig streitbefreit. Es gibt zwar Redebedarf, aber anstatt uns Dinge an den Kopf zu werfen und unser gegenseitiges Verhalten haarklein zu sezieren, quasseln wir stundenlang über Gott und die Welt, über Wünsche, Träume und Sehnsüchte, lachen und albern herum. Anstrengende Beziehungsgespräche? Nee, das steht nun wirklich nicht auf der Agenda eines frisch verliebten Paares...
 

Streitverhalten aus der Tierwelt

Tipps und Tricks: Sex wie nie zuvor
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Aus wissenschaftlicher Sicht kommt erschwerend hinzu, dass wir beim Streiten gar nicht zurechnungsfähig sind: Ab einem Puls von 95 sind wir nicht mehr in der Lage, rational zu denken. Während wir felsenfest davon überzeugt sind, die Situation zu kontrollieren, fahren wir den Karren garantiert an die Wand. Ab diesem Pulswert flutet nämlich das Stresshormon Adrenalin unseren Körper, und das Großhirn, in dem bewusste Entscheidungen getroffen werden, überlässt dem Reptiliengehirn, dem ältesten Teil des menschlichen Denkorgans, das Ruder. Wir reagieren instinktgesteuert und hauen dann einfach ein „Du kannst mich mal“ raus. Im Kampf- oder-Flucht-Modus (Achtung, Säbelzahntiger!) handeln wir, ohne nachzudenken, unsere roten Knöpfe sind bis zum Anschlag gedrückt. „Um jeden Preis wollen wir recht behalten. Oder machen den anderen nieder, weil wir daran scheitern, unseren Willen durchzusetzen“, sagt Christian Thiel. „Dabei sind viele Streitpunkte von Paaren gar nicht lösbar, weil sie mit der Persönlichkeit und individuellen Wertvorstellungen zu tun haben“, so der Psychologe. Klingt fatal? Wahr ist aber auch: Streit ist ein Kampf, bei dem keiner der beiden als Sieger vom Platz geht. Oft wissen Paare hinterher auch gar nicht mehr genau, worum es bei ihrem Streit ging. Irgendwie spielt der Anlass kaum mehr eine Rolle. Und einer von beiden rudert häufig zurück: „Du, ich hab noch mal nachgedacht ...“ Da hätte man sich das ganze Theater sparen können.
 

Verschiedene Gegenstrategien gegen sinnloses Streiten

Am besten also, man lässt es gar nicht so weit kommen. Und zwar mit diesen Gegenstrategien: „Streitstopp nenne ich die wichtigste Strategie, um eine Eskalation zu vermeiden. Sobald Sie merken, wie die Wut in Ihnen aufsteigt, ziehen Sie die Reißleine“, rät Thiel. Also besser sagen, dass man es vorzieht, bei einem Gang um den Block (oder was immer einen entspannt) runterzukommen, bevor die falschen Worte die Atmosphäre vergiften. Und zwar so früh wie möglich. Zweite Gegenstrategie: das Problem eine Weile stehen lassen. „Sie müssen die Unstimmigkeit nicht gleich wieder anpacken und lösen, lassen Sie sie ein paar Tage ruhen“, so der Psychologe. „Als Drittes schlage ich vor, in der Zwischenzeit die gemeinsame Schnittmenge zu vergrößern“, sagt Thiel. Heißt: Was gibt es für Themen, auf die sich beide problemlos einigen können? Auf die konzentrieren wir uns erst mal. Das sorgt nämlich für gute Stimmung. Je mehr Übereinstimmungen wir erzielen, desto größer das Polster für die heiklen Themen. „Es ist ganz einfach“, sagt Thiel, „je schlechter die Stimmung, desto geringer die Chance auf eine Einigung in einer Sache.“ Daran knüpft auch Gegenstrategie vier an: keine Vorwürfe, keine feindselige Kritik. Völlig unstrittig ist inzwischen, dass persönliche Kritik („Du bist so was von egoistisch!“) und verletzende Bemerkungen immer nach hinten losgehen. „Wenn Sie versuchen, sich in Kritikfähigkeit zu üben, können Sie sich genauso gut vornehmen, so lange Klavier zu üben, bis Sie so gut spielen wie Lang Lang. Beides werden nur sehr wenige von uns erreichen“, sagt Thiel.
 

Alternative Vorschläge machen - Der ultimative Anti-Stress-Tipp

Aber hat man uns nicht seit der Schule eingetrichtert, wir müssten lernen, Kritik nicht persönlich zu nehmen und sachlich damit umzugehen? Tja, aber funktionierte dieses Modell je in der Liebe? Selten ließ es einen kalt, wenn der Partner auch nur mit einem versteckten Vorwurf um die Ecke kam: „Kannst du nicht auch mal was entscheiden?“ Oder: „Seit wann passt dir dieses Kleid nicht mehr?“ Oder: „Sieh doch nicht immer alles negativ.“ Die Amerikanerin Barbara Sher, Coach und Bestsellerautorin, hat die für sie einzig sinnvolle Form der Kritik mal so auf den Punkt gebracht: Schlug ihr jemand eine Idee vor, die sie nicht begeisterte, gab sie zur Antwort: Good idea – have another one? Gute Idee, haben Sie noch eine? Wenn der Mann mit einem Vorschlag um die Ecke kommt, dass es im Sommer doch mal in die Schweiz gehen könnte, gibt es bei Missfallen zwei Möglichkeiten: gleich kontern und sagen, wie sehr Sie die Schweiz hassen. Oder fragen: „Gibt es Alternativen? Hat Korsika nicht auch ganz schöne hohe Berge zum Wandern?“ Man ahnt es: Wenn uns jemand positiv motiviert, können wir leicht darauf verzichten, in die Defensive zu gehen oder dichtzumachen. Kommen nicht gleich negative Gefühle auf.
 

Guter Sex hilft auch!

„Generell bringt es auch nichts, die gleichen Argumente immer und immer wieder vorzubringen – außer schlechter Stimmung natürlich“, sagt Streitexperte Thiel. Gegenstrategie fünf daher: Stattdessen kann man sich die Warum-Frage stellen. Warum will mein Partner das unbedingt, weshalb beharrt er so sehr? Wenn wir ruhig bleiben und versuchen herauszufinden, wieso der andere an seiner Überzeugung hängt, sehen wir ihn weniger kritisch und verändern das Motiv, das uns im Gespräch leitet – und meist in den Streit führt. Es lautet dann nicht mehr „Ich will mich durchsetzen“, sondern „Ich möchte verstehen“. „Denn der Partner möchte nicht überzeugt, sondern verstanden werden“, sagt Christian Thiel. Und zwar losgelöst davon, ob wir seine Meinung teilen oder nicht. „Das schafft eine gute Basis, auf der eine Lösung möglich wird.“ Und was, wenn es doch mal kracht? Nicht jedes Gewitter bringt einen um. Es gibt Paare, die zoffen sich ab und zu – und trotzdem klappt es unterm Strich wunderbar zwischen ihnen. Sie schaffen es, hässlichen Momenten genug schöne entgegenzustellen. Und sie kriegen es öfter hin, ihre Anliegen positiv zu formulieren. Indem sie sich etwas wünschen, um etwas bitten und den anderen loben, wenn er es dann tut. Und indem sie wichtige Themen nicht gerade dann ansprechen, wenn eh schon dunkle Wolken am Himmel aufziehen. Es ist eine einfache Rechnung und eine gute Nachricht zugleich: Wer einem Konflikt aus dem Weg geht, muss sich nicht mehr wie ein Feigling fühlen. Feige sein, das würde bedeuten, sich übermäßig anzupassen und eigene Wünsche an den Nagel zu hängen. Darum geht es nicht. Sondern um die bessere Strategie. Ach ja, eins noch. Guter Sex hilft übrigens auch!
 

Die 5 Streittypen

1 DIE STREITHENNE Braucht die (haarkleine) Auseinandersetzung wie die Luft zum Atmen, ein Tag ohne handfesten Streit ist für sie ein verlorener Tag. Typischer Satz: „Ich will das jetzt aberausdiskutieren!“
Besser: Einmal am Tag alles aufschreiben, was gut lief. Und so den positiven Blickwinkel üben.

2 DIE RECHTHABERIN Hält ihre Ansichten und Bedürfnisse grundsätzlich für wahr und richtig. Typischer Satz: „Kannst du nicht einmal nachgeben?“
Seien Sie sich sicher: Niemand ist unfehlbar, nicht mal Mahatma Gandhi hatte immer recht. Und üben Sie mal den Satz: „Ich finde es interessant, dass du das so siehst.“

3 DIE AUFBRAUSENDE Schiebt gern ihr impulsives Temperament als Grund für ihre lautstarken und gestenreichen Ausbrüche vor. Typischer Satz: „Du Idiot – ich fasse es nicht, dass du das eben gesagt/getan hast!“
Tipp: Ständiges Ausrasten macht nicht sexy – durchatmen und eine Tasse Baldriantee trinken.

4 DIE KONFLIKTSCHEUE Zieht öfter einen Schmollmund, äußert ihren Unmut aber nicht offen. Typischer Satz: „Ich gehe jetzt schlafen!“
Achtung: Grundsätzlich machen Sie es richtig, wenn Sie Konflikte meiden wollen. Aber nicht um jeden Preis. Sie müssten schon sagen, was Ihnen auf dem Herzen liegt.

5 DIE MANIPULATORIN Kritisiert subtil, aber ständig, etwa über Vergleiche mit anderen. Typischer Satz: „Der Bernd sagt auch, dass die Baukreditzinsen gerade supergünstig sind, und der hat echt Ahnung!“ Unbedingt: Sprechen Sie lieber direkt und nicht durch die Blume an, was Ihnen gefällt und wichtig ist. Sonst fühlt sich Ihr Partner nicht ernst genommen.

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