Sex

Lieben Kein Interesse an Sex

Während in unserer Gesellschaft der Sex allgegenwärtig ist, herrscht im eigenen Schlafzimmer oft völlige Flaute. PETRA-Autorin Ulrike Fach-Vierth über die Gründe unserer Unlust.
Frau Mann lesen
  

Als der Konzern Unilever die Frage stellte: „Wie lange würden Sie auf Sex verzichten, wenn Sie dafür einen Schrank voll mit neuen Klamotten bekämen?“, entschied sich die Mehrheit der 1000 befragten Frauen für 15 Monate. Bei Männern sieht es nicht besser aus. Jeder zehnte deutsche Mann hat laut der Zeitschrift „Gehirn & Geist“ gar kein Interesse mehr an Sex. Haben wir es in einem Zeitalter, in dem uns Sex und Intimes immer und überall präsentiert werden, mit einer zunehmenden privaten Lustlosigkeit zu tun? Scheint ganz so zu sein.

Denn während heute kein Schulkind mehr am Kiosk Bonbons kaufen kann, ohne auf barbusige Titelschönheiten zu starren, herrscht Flaute in deutschen Schlafzimmern. Sex findet überall statt: auf der Straße, im Fernsehen, im Internet – nur nicht zu Hause. Spärlich bekleidete Models schmücken alle möglichen Werbeanzeigen. In Reality-Dokus breiten sich B-Promis über ihr Sexleben aus und lügen, dass sich die Balken biegen. Nackt- und Sexszenen in Filmen fallen uns beinahe nur noch auf, wenn sie fehlen – und „Shades of Grey – Geheimes Verlangen“ wird so gar nicht heimlich, sondern stolz gelesen. „Während die wachsende öffentliche Lust immer bizarrere Formen annimmt, schrumpft die private Lust zu zweit“, bestätigt Paartherapeutin und Autorin Felicitas Heyne („Fremdenverkehr“, Goldmann, 320 S., 8,99 Euro). Ihre Erklärung: „Je höher die Erwartungen, desto mickriger wirkt das Erreichte und desto größer wird die Lustlosigkeit.

Es sind die Medien, die uns massiv dabei unterstützen, unsere Erwartungen hinaufzuschrauben – sind wir doch täglich umzingelt von perfektem Sex.“ Stimmt. So scharf und wild wie die Frauen, die von Plakatwänden herunterlachen, werden wir niemals aussehen. Wobei das natürlich auch für die Männer gilt – da ist der Attraktivitäts-Faktor der Hochglanz-Models doch Welten von dem der eigenen Kerle entfernt. Dazu kommt: „Es gibt in Langzeitbeziehungen immer einen Konflikt zwischen Intimität und Erotik, der die Sache weiter erschwert“, so Heyne. „Zu viel Intimität und Nähe sind Erotikkiller par excellence. Erotik lebt von Fremdheit, Spannung, von Hindernissen. Eine Langzeitbeziehung dagegen lebt von Intimität, Vertrautheit und Harmonie. Beides gleichzeitig erhalten zu wollen – das kommt schon der Quadratur des Kreises gleich.“

„Nun muss man aber auch mal ganz klar sagen, dass von Mutter Natur eigentlich keine lebenslangen Partnerschaften für uns vorgesehen waren“, so die Psychologin – und setzt hinzu: „Schon gar nicht welche, in denen es dauerhaft vor Sex nur so prickelt. Die Evolution wäre durchaus zufrieden damit, wenn wir als Paar nur dafür sorgten, dass der gemeinsame Nachwuchs aus dem Gröbsten heraus ist,
 bevor wir wieder getrennte
 Wege gehen.“
Wir sind also gar nicht auf
 dauerhaftes Sexglück pro
grammiert. Stress im Job 
oder familiäre Belastungen
 sorgen zusätzlich dafür, dass sich die Beziehung mit der Zeit von ganz allein verschlechtert – dafür müssen wir nichts tun. Das heißt jetzt aber nicht, dass man das Handtuch in den Ring wirft und sich für immer von einem langen und erfüllenden Liebesleben verabschiedet. Was hilft? Positive Illusionen und eine bewusst wohlwollende Sicht auf den Partner. Der amerikanische Beziehungsforscher John Gottman zeigte in einer Untersuchung, dass unzufriedene Paare ihre rosarote Brille irgendwann absetzen und einander stattdessen durch eine rabenschwarze sehen, bis sie im Rückblick selbst ihre glückliche Anfangszeit und sogar ihr erstes Rendezvous sehr negativ bewerten. Wie traurig!

Promotion
Anzeige
1 von 2
Schlagworte
Erotik | Partnerschaft | Sex