Sex

Leben Ich bin Positiv, und er ahnt nichts

Seit sechs Jahren sind Julia und Christian ein Paar. Julia ist HIV-positiv und hat den Zeitpunkt verpasst, ihm die Wahrheit zu sagen. Die Geschichte einer Lüge – im Namen der Liebe.
Frau Brücke
  

Das hatte ich immer für eine Redensart gehalten, dass einem das Herz stehen bleibt, wenn man etwas wirklich Furchtbares erlebt. Doch genau so war es, als ich damals vor einer Ärztin saß, die mir mit ruhiger Stimme sagte, dass ich HIV-positiv sei. Danach war es still in mir und um mich herum, während sich mein Kopf mit Bildern füllte. Mein erster Schultag. Mein erster Kuss. Ich war unbeschwert aufgewachsen und würde es nie mehr sein. Die Frage, ob ich wisse, wer mich infiziert hat, empfand ich als Beleidigung. Ich hatte meine Unschuld erst auf der Uni verloren und überhaupt nur drei Männer gehabt. Aber ich wusste es tatsächlich nicht. Wer hätte es sein können? Der witzige Jens oder Axel, der neben seinem Sportstudium als Bademeister jobbte? Der schüchterne Boris, dessen Mutter mir heute noch Postkarten aus dem Urlaub schreibt? Ein völlig absurder Gedanke, dass mich einer dieser Jungs mit einem tödlichen Virus infiziert haben sollte.

Aids – das hatte nichts mit mir zu tun

Ebenso absurd wie die Vorstellung, dass ich von nun an jemand war, von dem andere diese Krankheit bekommen könnten. Aids – das hatte so gar nichts mit mir zu tun. Ich kam aus einer Welt, in der es als Drama galt, wenn der Hund sein Geschäft im Garten des Nachbarn verrichtete. Meine Ärztin sprach über die möglichen Therapien, die sie anhand meiner Blutwerte für angemessen hielt. Sie tat es mit der gleichen Ruhe, mit der sie mir zwei Wochen zuvor zu einem Test geraten hatte, nachdem ich mit geschwollenen Lymphen in ihre Praxis gekommen war. Ich hatte eingewilligt, aber nicht eine Sekunde daran geglaubt. Bis ich es glauben musste. Meinen Eltern sagte ich kein Wort, es hätte ihr Leben zerstört. Meine beste Freundin hingegen zog zunächst zu mir, saß nächtelang an meinem Bett, wenn ich schreiend aufwachte. Doch die Zeit heilte auch diese Wunde – wieder so eine Redensart, an die ich bis dahin nie geglaubt hatte. Ich begann mein Referendariat.

Geheimhaltung

Die tägliche Medikamenteneinnahme erledigte ich heimlich, ansonsten merkte ich nichts. Lediglich meine Periode warf mich zurück. Ich entsorgte Tampons wie radioaktiven Giftmüll, ekelte mich vor meinem Blut, in dem jetzt ein bedrohliches Virus schwamm. An diesen Tagen konnte ich Männer nicht einmal ansehen und empfand mich als tödliche Bedrohung für das andere Geschlecht. Alle Kontakte zu Freundinnen, die schwanger wurden, ließ ich nach und nach auslaufen. Ein Kind, eine Familie, einfach alles, was ich als selbstverständlich erachtet hatte, war für mich unerreichbar fern.

Das Leben geht weiter

Es dauerte fast ein Jahr, bis ich den ersten Sex hatte. Es war ein One-Night-Stand, und er war gut. Es war nicht das ganz große Gefühl, das ich von früher kannte, aber es holte mich ins Leben zurück. Ich konnte Karriere machen, Reisen planen, kochen und ins Kino gehen. Und ich konnte ab und an geschützt mit einem netten Kerl schlafen. Es war nicht das Leben, das ich geplant hatte, aber es war ein Leben. Drei Jahre vergingen, bis ich auf der Geschäftseröffnung eines Mandanten Christian traf. Dass wir uns wollten, stand fest, bevor der Abend vorbei war. Ich ließ es geschehen, als er mich nachts auf ein letztes Getränk in meine Wohnung begleitete. Seine charmanten Mails in den Tagen danach beantwortete ich fröhlich, aber distanziert. Sein Drängen auf ein Wiedersehen überging ich. Doch irgendwann machte ich mir nichts mehr vor: Ich war schwer verliebt. Und als er einige Tage später abends vor meinem Büro stand, gab ich auf und begleitete ihn zum Essen. Bei Wein und gegrillten Gambas hielt er meine Hand und sprach über seine Gefühle für mich und darüber, dass er so schnell noch nie so tief empfunden hatte.

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Schlagworte
Beziehung | Gesundheit | Partnerschaft
Autor
Kai Franke