Liebe & Psyche

Familie, Freunde, der eigene Partner Der Kontakt bricht ab - was kann ich tun?

Habe ich etwas übersehen oder nicht gut zugehört? Wenn eine enge Freundin, der eigene Partner oder jemand aus der Familie von jetzt auf gleich den Kontakt abbricht, lässt er einen anderen ratlos zurück. Wie man lernt, die Funkstille auszuhalten – und was die Gründe sein können
Der Kontakt zu Freunden bricht ab
   

Es ist zu leise. Baustellenlärm tönt, Autofahrer hupen wütend, ein Kind schreit zum Fenster herein. Trotzdem hört Sandra, 34, nur die Stille. Es ist so eine unbequeme, die ganz stutzig und nervös macht. Weil das Telefon lautlos bleibt, obwohl der Ton extra schrill gestellt ist. Weil die Klingel schweigt – und der sonst so toughen Frau fast einen Herzkasper beschert, wenn sie doch mal läutet und nur ein Paket für die Nachbarn kommt. Weil der Mail-Eingang nichts als nutzlose Nachrichten enthält. Gefühlte hundert Mal hat Sandra im Spam-Ordner nachgesehen. Keine Antwort von ihrer einst besten Freundin. Kein Piep. Kein Wink. Nur Funkstille.

Es liegen keine Zahlen vor, die Auskunft geben, wie viele Menschen urplötzlich im Schweigen verschwinden. Freundinnen, die nicht mehr erreichbar sind, obwohl sie die Stadt nicht verlassen haben. Verwandte, die nicht zum vereinbarten Treffen kommen, obwohl beim Geburtstag noch alles gut war. Partner, die irgendwann beschlossen haben, für den anderen nicht länger zu existieren – ohne dass dieser etwas geahnt hätte.

EIN UMS ANDERE MAL WIRD DIE VERGANGENHEIT UMGEKREMPELT  

Es müssen etliche Abbrecher sein. Denn fast jeder weiß, wie sich das anfühlt: wenn man erst irritiert, dann leicht verärgert und schließlich schlichtweg machtlos ist, weil man an den anderen nicht mehr herankommt. Ein kirre machender Kreislauf setzt sich in Gang. Ein ums andere Mal wird die Vergangenheit umgekrempelt. Ein harmloser Streit neu interpretiert. Das letzte Treffen noch einmal durchträumt. Aber es ist wie mit dem unbefriedigenden Ausgang eines Romans: Man kann das Warum unendlich oft zerdenken, durchleuchten, mit anderen besprechen – der Autor wird keine Erklärung abgeben und auch kein neues Ende schreiben, nur weil es uns nicht in den Kram passt.

„Viele Verlassene saßen mir nach Jahrzehnten des Abbruchs immer noch fassungslos gegenüber“, sagt die Autorin Tina Soliman, die für eine Fernsehreportage und ihre Bücher mit unzähligen Betroffenen gesprochen hat. „Sie können nicht abschließen, weil es keinen Schlussstrich gab.“ Es sei ein uneindeutiger Verlust, ein ambivalentes Sichverweigern – und am Ende blieben beide auf unheilvolle Weise miteinander verbunden. Beim genaueren Hinschauen war oft das Verhältnis von Geben und Nehmen nicht ausgewogen. Etwa weil in einer engen Freundschaftsbeziehung für die eine vieles rundlief – während die andere mit mehreren Rückschlägen zu kämpfen hatte. Und aufeinander zwar immer Verlass war, aber keine gemeinsame Ebene mehr existierte. „Einige Abbrecher haben auch das Gefühl, sich von einer nahen Person nicht mehr vernünftig abgrenzen zu können“, sagt die Ärztin und Psychotherapeutin Siglinde Bender (bessere-beziehungen.de). Sie sehen sich permanent falschen oder zu hohen Erwartungen ausgesetzt. Innerhalb der Kernfamilie gebe es diese Konstellation am häufigsten, zum Beispiel zwischen Mutter und Tochter.

Auch ein mangelndes Kommunikationsvermögen kann zur Ursache für eine Funkstille werden: zum Beispiel weil der Partner aus einer Familie stammt, in der Probleme nie besprochen, Streitereien geschluckt und schlechte Gefühle aufgetürmt wurden. „Ein Kind, das von seiner Mutter mit Schweigen bestraft wurde, wird dieses vermeintliche Konfliktlösungsmittel eher übernehmen als ein Kind, das eine gesunde Diskussionskultur erleben durfte“, sagt Tina Soliman.

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Schlagworte
Familie | Freundschaft | Psychologie
Autor
Katja Bosse