Kultur

Mauerfall am 9. November 1989 Und wo warst du? Maueröffnung 1989

Manche Daten vergisst man nie: Der Mauerfall am 9. November 1989 gehört dazu. Zwölf Menschen aus Ost und West erzählen, wie sie die Öffnung der Grenze erlebt haben. Ob am Fernseher oder mittendrin: Die Erfahrung prägt uns alle.
Maueröffnung 1989
  

„Als Wessi mit dem DDR-Bike an die Grenze gerast“

Ich studierte in Göttingen. Kaum hatten ein Freund und ich vom Mauerfall gehört, stiegen wir auf unsere DDR-Motorräder Marke MZ, die man im Westen bei Neckermann bestellen konnte, und fuhren nach Berlin. Alle Geschäfte waren geöffnet, wir sind mit den Massen durch die Läden gezogen. Eine Verkäuferin sagte zu mir:„ Jaja, das machen wir alles nur für euch Ossis.“ KLAS, 41, FOTOGRAF 

„Leider alles verschlafen“

An dem Tag hatte ich einen Migräneanfall und bin schon um fünf Uhr ins Bett gegangen. Alle Vorhänge zugezogen, das Telefon ausgestöpselt: Ich wollte nur meine Ruhe haben. Am nächsten Morgen telefonierte ich mit meinem Freund, der mir alles erzählte. Mist, dachte ich. Da hatte ich wohl ein Stück Geschichte verpennt, im wörtlichen Sinne. SABINE, 39, TEAMASSISTENTIN 

„Boris Becker hat es von mir erfahren!“

Zu der Zeit lief in Stockholm ein Tennisturnier, beidem ich als Reporter arbeitete. Aus meiner Heimatredaktion hatte ich telefonisch vom Mauerfall erfahren undwollte daraufhin einen Drink an der Hotelbar nehmen– als dort plötzlich Boris Becker ankam. Dem habe ich sofort von dem großen Ereignis erzählt. Er wusste es noch nicht und machte entsprechend große Augen. JÖRG, 45, JOURNALIST 

„Teenie-Jubel im Internat“

Es war ein echtes Gemeinschaftserlebnis: Ich besuchte damals ein Sportinternat in Schwerin. Einige Mitschüler waren zuvor schon zu den Montagsdemos gegangen. Ich saß gerade in meinem Zimmer, als ein riesiger Radau auf dem Flur losging. Ich stürmte raus – und alle hüpften durch die Gegend und führten Freudentänze auf. Dann haben wir zusammen im Fernsehraum die Bilder der Grenzöffnung verfolgt – und konnten es kaum glauben. Am Wochenende darauf bin ich mit meiner Mutter gleich nach Berlin gefahren. Ich wollte das alles unbedingt hautnah sehen. ELLEN, 34, GRAFIKERIN 

„Ein ganz absurdes Gefühl“

Als die Mauer fiel, lernte ich in Heidelberg für mein Vordiplom und hörte nebenbei Radio. Es war ein absurdes Gefühl, man hätte mir auch sagen können, dass ich im Lotto gewonnen habe. Ich war Anfang 20, und wie die meisten meiner Generation hatte auch ich die Teilung akzeptiert. Ich musste an einen Italiener denken, der mir mal gesagt hatte, es sei unmöglich, ein Land zu trennen, in dem Brüder und Schwestern leben, die Wiedervereinigung sei nur eine Frage der Zeit. Tja – er hatte recht. CORINNA, 43, KOMMUNIKATIONSEXPERTIN 

„Plötzlich musste ich mich an das Wort ,Ossi‘ gewöhnen“

Ich ging in Ostberlin zur Schule, und am „Tag danach“ war zunächst alles wie immer. Aber dann holten meine Eltern mich in der Hofpause ab, und wir fuhren mit unserem Lada an die Grenze. Ich trug einen weißen Anorak und werde nie vergessen, wie langsam wir fahren mussten, links und rechts klopften Menschen an die Scheiben. Niemand wollte unsere Pässe sehen, als wir auf die andere Seite gelangten, obwohl meine Mutter in der DDR als „politisch nicht tragbar“ galt und sich dem Grenzgebiet eigentlich nicht nähern durfte. Die Wiedersehensszenen zwischen den Leuten haben sich in meine Erinnerung gebrannt. Ein Gefühl von Freiheit verspürte ich nicht. Ich war erst 14. Was von all dem geblieben ist: Auch 20 Jahre danach und zehn Jahre nach meinem Umzug von Berlin nach Hamburg gelte ich als „Ossi“. LOREEN, 34, SACHBEARBEITERIN 
 

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