Psychologie

Wie echt wir wirklich sind Sind wir noch authentisch?

Perfekte Liebe, viele Freunde, tolle Klamotten – alles geht darum, sich möglichst cool zu präsentieren. Wie echt sind wir eigentlich noch? Fragt sich Autorin Miriam Kaefert.
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Es geht uns gut, ach was… bestens geht’s uns. Wir haben unser Leben im Griff. Wir sind selbstbewusst. Zielorientiert. Souverän. Trotzdem sind wir entspannt, humorvoll und kulturell total informiert. Genau wie unsere Freunde, davon haben wir nämlich reichlich – im wahren Leben und bei Facebook. Wie es in der Liebe so läuft? Fantastisch! Wir sind entweder total glücklich liiert oder genießen gerade das Single-Leben. Kurz gesagt: Wir sind absolut beneidenswert…

Und nun noch mal ehrlich: Stimmt das alles? Sind wir wirklich so wahnsinnig unabhängig, so gut gelaunt, so perfekt, wie wir uns gegenüber anderen Menschen darstellen? Oder sind wir vielmehr Meisterinnen der Pose, der Äußerlichkeiten, des schönen Scheins? Ja, so ist das wohl. Wir alle verstellen uns. Die einen mehr, die anderen weniger. Die Tendenz geht allerdings in Richtung „mehr“. Weil Arbeitsstellen rarer und begehrter werden und wir deshalb lernen vorzugaukeln, alles zu wissen, zu schaffen, zu können. Weil die wenige Freizeit, die uns nach dem Überstunden-Feierabend bleibt, Erlebnischarakter haben soll. Weil wir Freundschaften zusehends über Internet-Plattformen pflegen. Im Gegenzug wächst in uns die Sehnsucht, authentischer sein zu können. Akzeptiert werden mit allen Macken und Unsicherheiten, einfach ehrlich sein dürfen – das ist es, was wir wollen.

Was genau bedeutet Authentizität eigentlich? Das Internet-Lexikon Wikipedia definiert es so: „Authentizität heißt, dass das Handeln einer Person nicht durch externe Einflüsse bestimmt wird, sondern aus der Person selbst stammt.“ Das klingt ja geradezu philosophisch, nur wie soll das funktionieren in einer Welt, in der wir alle permanent durch äußere Einflüsse bestimmt werden? Unsere Freundinnen wollen uns den soliden Banker ein- und den sexy Barmann ausreden. Die Modebranche will, dass wir uns in Leder-Leggings quetschen, die Werbung verkauft uns hippe Smoothies. Und der Chef findet, dass alles schneller gehen muss. Und wenn wir gestresst von Banker, Chef und pürierten Fruchtdrinks nach Ablenkung im Internet suchen, lauert die nächste Schmach: Die Facebook-Freunde diskutieren gerade, ob die aktuelle Ausstellung von Nobuyoshi Araki nun krass, Kunst oder beides ist. Sorry, wer bitte ist dieser Herr Araki? Und warum, verdammt, wissen das scheinbar alle anderen?

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Schlagworte
Charakter | Freundschaft | Psychologie
Autor
Miriam Kaefert