Psychologie

Glück Lebe lieber unperfekt

Braucht man eine Strategie, die geradewegs zum Erfolg führt? NEIN. Leben heißt Improvisation und Risiko. Ein Report über die Kunst, aus allem das Beste zu machen
Frau mit Laufmasche
   

Als mich kürzlich jemand nach ein paar Gläsern Wein fragte, was ich richtig gut kann, sagte ich: „Mich durchwurschteln!“ Auf dem Gesicht des netten Herrn breitete sich ein Fragezeichen aus. Es war vielleicht die leichte Weinseligkeit, die mich etwas sagen ließ, das nüchtern betrachtet erst einmal uncool, unsouverän und unsexy klang – „na, ich sitze am Steuer meines kleinen Lebens und wurschtel mich so durch!“ Aber bitte: Präsentiert sich so eine „Klasse-Frau“? Sollte ich nicht lieber von Prinzipien und Visionen faseln, von meinem Masterplan sprechen, den ich zielstrebig verfolge? Natürlich gekrönt von diversen Etappensiegen und wasserdichten Erfolgsstrategien? So eine eigene Biografie entpuppt sich als ganz schön harte Nuss und beginnt mit der Frage: „Und was willst du mal werden, wenn du groß bist?“ Zielstrebig, durchgeplant und effektiv soll er sein, der Lebensweg. Umwege und Hindernisse sind dabei nicht willkommen. Macht sich nicht gut, so eine Lücke im Lebenslauf.

Das Leben verläuft im Schlingerkurs

Wenn man genauer hinsieht, verläuft das Leben eher im Schlingerkurs denn geradlinig. „Wenn man etwas Bestimmtes erreichen will, ist es oft sogar besser, Umwege zu gehen und offen für Alternativen zu sein. Zu glauben, man könnte in dieser komplexen Welt alles nach Plan X meistern, ist fantasielos, anmaßend und führt am Ende nicht zum ersehnten Erfolg“, sagt der Chaosforscher und Buchautor Jens Braak. „Dahinter steckt eine völlig unzeitgemäße und illusorische Haltung.“ Tatsächlich kommen derzeit auf der ganzen Welt Psychologen und Soziologen, Wirtschaftsexperten und Politikberater zu dem Schluss: Ein gekonntes „muddling through“ ist der Trend der Zeit – ein Durchwurschteln, Improvisieren oder Auf-Umwegen-zum-Ziel-Kommen erweist sich als die wichtigste und erfolgversprechendste Kernkompetenz des modernen Lebens. Ganz egal, ob es um die Griechenland-Euro-Bankenkrise oder unsere persönlichen Belange geht – es gibt ihn (meist) nicht, den einen einfachen Weg.

Dazu muss man wissen: Mit Durchschlängeln ist kein Pfuschen, Durchmogeln oder gar Betrügen gemeint. Sondern die Kompetenz, den Blick weit zu stellen und nicht zu fixieren. Es geht um die Kunst des Möglichen. Die Dinge, nach denen wir streben, sind oft nicht auf geradem Weg zu erreichen. Aber häufig finden wir auf dem Weg dorthin clevere Zwischenlösungen, oder es tut sich mit einem Mal eine Alternative auf, die noch besser ist als das eigentliche Ziel. So nimmt man sich vor, dieses Jahr die Buchhaltungskenntnisse zu erweitern, und dann wird im Fortbildungsprogramm nur der Englischkurs angeboten. „Statt sich auf das Ursprungsvorhaben zu versteifen, könnten Sie doch den Englischkurs belegen – und dann vielleicht im nächsten Jahr für eine Zeit ins Ausland gehen“, so Psychologin Dr. Ilona Bürgel.

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Schlagworte
Charakter | Lifestyle
Autor
Friederike Schön