Psychologie

Die Abwrackprämie

So, mein Entschluss stand fest, den Alten wollte ich nicht mehr. Er nervte nur noch, hatte nicht mehr das Profil von früher. Ständig ließ er mich hängen, hustete zu den unmöglichsten Tages- und Nachtzeiten furchtbarlaut, und auch optisch war bei ihm der Lack längst ab. Ich spreche von meinem Fiesta. Baujahr 1994, dunkelblau mit hohem Rostanteil, an hundert Stellen zerbeult, die Sitze zerschlissen, die Scheibenwischer funktionsbefreit. Er roch auch nicht mehr gut.

Für mich kam die Abwrackprämie, die offiziell den zarteren Namen Umweltprämie trägt, also gerade recht. Prima, Geld vom Staat, endlich mal nehmen und nicht geben, dachte ich. Also ab ins nächste Autohaus. Die halbe Nation pilgerte mit mir in die PS-Konsumtempel am Rande der Städte, so kam es mir vor, und hinterließ auf der hochglänzenden Neu-Ware Millionen Fingerabdrücke. Ich grabbelte nicht nur, ich griff zu. Zack, der Kaufvertrag war schnell unterschrieben. Alles neu, alles gut, endlich Servolenkung, Klimaanlage und Zentralverriegelung – Wellness auf vier Rädern, sponsored by Bundesregierung, wenigstens zum Teil.

Dann kam der Tag. Der neue Wagen war abholbereit. Damit fingen die Probleme an. Vorher musste ich meinen abzuwrackenden Alten ausräumen. Ich finde Wohn-Autos toll. Sie transportieren nicht nur ihre Besitzer, sondern auch deren Besitz, und sie haben, davon bin ich überzeugt, eine Persönlichkeit. Meines war auch so ein Exemplar. In meinem fand ich Kaugummis (eklig), sechs PET-Flaschen (Pfandwert:1,50 Euro), Kassetten aus der Jahrtausendwende-Ära (habe ich DAS wirklich mal gehört?) und Erinnerungsfotos mit meiner Realschul-Freundin drauf (die sind wohl beim letzten Umzug unter den Sitz gerutscht).

Mit einer seltsamen Leere im Wagen – und in mir – fuhr ich zum Händler. Und blieb einfach in meiner müffelnden Schrottkarre sitzen. Es ist, das stellte ich plötzlich fest, wie mit den Leuten, die einen hässlichen, alten, pupsenden Hund haben: Sie lieben ihn trotz all seiner Macken. Jetzt ging es mir so mit meinem Fiesta. Wir hatten ja eine zehnjährige Beziehung, mit allen Höhen und Tiefen. Und was tue ich? Ich mache nicht nur Schluss. Ich bringe ihn um. Schicke ihn in die Schrottpresse – ich betreibe Auto-Euthanasie! Für Geld! Herzlos bin ich, wie kann ich nur! Ich fing an zu heulen. Wie sagt Marcel Reich-Ranicki noch mal: Es weint sich besser in einem Taxi als in der Straßenbahn. Mag sein, aber was wissen Intellektuelle wie er schon übers Abwracken!?

Der Verkäufer sah meinen Schmerz und reagierte nett. Ich war offenbar nicht die einzige Frau, der er einen neuen Wagen verkaufte und die auf den letzten Metern ein schlechtes Gewissen wegen des alten bekam. Sanft bugsierte er mich zum sexy Nachfolger – und machte mir den Abschied vom Ex ein wenig leichter. Um Schrottplätze fahre ich seitdem trotzdem einen großen Bogen. Der Alte ist weg, und ich bin das Wrack. 

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Schlagworte
Frauen | Lifestyle
Autor
Carolin Streck