Psychologie

Leben Heimatgefühl

Die ganze Welt ist unsere Heimat, wir sprechen fünf Sprachen – aber heimlich sehnen wir uns nach Mamas Weihnachtsplätzchen. Ein Artikel über gefärbte Erinnerungen, Patchwork-Gefühle und neue Formen, Wurzeln zu schlagen...
Frau mit nostalgischem Foto
  

Es war an einem leuchtenden Herbstnachmittag in Hamburg. In den Straßencafés saßen Wollmützen-Hipster und twitterten an ihre Berliner Künstlerfreunde, spanische Studenten verglichen WG-Mieten in Eimsbüttel und Barcelona. Ich stand vor einem Schaufenster und verstand das Kleid darin nicht. Ein Kleid im Retro-Stil, mit Korsage und schwingendem Rock, darauf die Worte „Magsch e Bombole?“ Was war das: Estnisch? Ukrainisch? Südchinesisch? Erst im Weitergehen fiel der Groschen: Es war Badisch. Der Dialekt meiner Kindheit. Auf Hochdeutsch: „Möchtest du ein Bonbon?“

Wir leben in einer mobilen Welt

Im Nu war meine ganze Freiburger Vergangenheit wieder da: Die dicke Nachbarin, die schnaufend ein Süßigkeitenglas aus dem Küchenschrank holte, der gurgelnde Hölderlebach, an dem ich Blättchen schwimmen ließ. Auf einmal wollte ich nur eins: nach Hause. Aber wo ist das, zu Hause? Was bedeutet ein Wort wie Heimat für uns, die wir jederzeit bereit sind, für einen interessanten Job alles hinzuwerfen, Beziehungen zu kappen? Heimat heute ist ein Patchworkteppich der Gefühle. Ein selbst gemaltes Mandala der Nostalgie. Geboren bin ich im Südwesten, später lebte ich jahrelang in München, mit kurzen Abstechern nach Spanien und in die USA, heute wohne ich in Hamburg. Nie zwang mich jemand, immer lockte mich etwas: Jobmöglichkeiten oder nur die Neugier auf einen Ort und wie es sich anfühlt, dort zu leben. Alle Stationen hinterließen Spuren. Ein Kleid mit einem badischen Spruch kann mich zu Tränen rühren, die Backsteinarchitektur in Tim Mälzers Hamburger Restaurant, die so sehr nach Manhattan aussieht, auch. Wenn mir jemand am Telefon ein zünftig-bayerisches „Grüß Gott!“ entgegenschmettert, muss ich sofort lächeln.

Der Nostalgie-Trend

Überall gehöre ich dazu. Und nirgends richtig. In Freiburg hätte man eine wie mich eine „Neigschmeckte“ genannt, in München blieb ich die „Zuagroaste“, in Hamburg der ewige „Quiddje“. Fast jeder Dialekt kennt
 feine Unterscheidungen für die, die zum harten Kern zählen 
– und die, die es nie tun werden. „Es fehlt etwas“, bestätigt
 der Frankfurter Kulturwissenschaftler Heinz Schilling. „Wir leben in einer Teflon-Kultur, nichts bleibt an uns haften. Da wächst der Wunsch nach Geborgenheit, nach Aufgehobensein.“ Kein Wunder, dass Gegenstände mit dieser Aura von Oma-backt-Kuchen so angesagt sind: bestickte Schürzen, Holzbrettchen und Wollschals. Mal werden die Zeitzeichen ironisch auf die Schippe genommen – zum Beispiel mit goldenen Hirschen an der Wand der Szenekneipe –, mal ist die Nostalgie ganz ernst gemeint: Im Luxus-Landhotel mit Herzchen-Fensterläden und Bauernschränken auf den Fluren.

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