Psychologie

Chancen ergreifen Die Kunst der guten Entscheidung

Nie hatten wir so viele Chancen im Leben. Wie im Schuhladen stehen wir vor lauter bunten Optionen und fragen uns, welche die richtige ist. Und hört man besser auf den Kopf oder den Bauch? Ein Wegweiser zur richtigen Wahl
Frau muss sich zwischen Schuhen entscheiden
   

Mit 36 trifft Giorgio eine Entscheidung: Er gibt seinen gut bezahlten Job in einem Kaufhaus auf, um sich einen Traum zu erfüllen: Modedesigner zu werden. „Das war riskant. Ich konnte weder zeichnen, schneidern noch ein Geschäft führen. Alles, was ich hatte, war mein guter Geschmack“, erinnert er sich. „Aber als die Ängste überwunden waren, durchströmte mich das Glücksgefühl, richtig entschieden zu haben.“ Heute, 42 Jahre später, ist Stardesigner Giorgio Armani prominenter Beweis dafür, wie stark eine einzige kluge Entscheidung das Leben verändern kann.

Was wir jetzt entschließen, ist richtungsweisend

Gerade zwischen 30 und 40 müssen wir Entscheidungen von ungeheurer Tragweite treffen: Will ich heiraten? Zu meinem Partner ziehen? Möchte ich jetzt ein Kind? Oder später oder gar nicht? Soll ich noch einmal studieren? Oder einfach so den Job wechseln? Dabei erscheint das Leben manchmal als ein endloses Herumirren in einem Labyrinth von Möglichkeiten. Frauen können heute so viel entscheiden wie nie zuvor – aber was wie die große Freiheit wirkt, macht nicht unbedingt glücklicher.

Im Gegenteil: „Inmitten einer Welt unbegrenzter Optionen würden wir am liebsten immer und überall alles offenlassen“, schreibt der Psychologe und Bestsellerautor Bas Kast in seinem Buch „Ich weiß nicht, was ich wollen soll“ (Fischer Verlag, 18,99 Euro). Festlegen ist nicht unbedingt unsere Sache: „In der Liebe zum Beispiel soll heute so viel wie möglich so lange wie möglich unverbindlich bleiben. Wenn wir uns doch festlegen und heiraten, ist auch das längst nicht mehr unwiderruflich.“ Überfordert durch ein Zuviel an Freiheit, fällt uns jede Entscheidung zunehmend schwerer. Denn für jedes Festlegen zahlen wir einen hohen Preis: Sobald wir zum Beispiel einen bestimmten Berufsweg einschlagen, schließen wir damit die Türen für viele andere interessante Joboptionen. Und wenn wir uns jetzt für ein Kind entscheiden, schlagen wir der Wahlfreiheit, die ein Leben ohne Kinder mit sich gebracht hätte, die Tür vor der Nase zu. Wie sollen wir da überhaupt eine kluge Wahl treffen?

Gelähmt von der Vielzahl an Möglichkeiten

Psychologen sprechen vom Candy-Shop-Syndrom: Wie ein Kind, das im Süßwarenladen nicht weiß, was es von seinem einen, magischen Euro kaufen will, sind wir gelähmt von der Vielfalt der unzähligen Möglichkeiten. Wenn ich mich für Lakritzschnecken entscheide, entscheide ich mich gegen die roten Bonbons, das Karamell, die Schokolade. „Je mehr Optionen zur Verfügung stehen und je besser und attraktiver diese sind, auf umso mehr muss man verzichten, wenn man sich für eine bestimmte Option entscheidet“, formuliert der Volkswirtschaftler Mathias Binswanger das Problem. „Absurderweise fühlt man sich somit immer ärmer, obwohl man mehr hat.“

Die Tyrannei der Wahl bringt noch ein weiteres Problem mit sich. „Mit der Zahl der Alternativen steigen auch die Erwartungen an die gewählte Alternative“, sagt Bas Kast. Unbewusst sagen wir uns: „Verdammt, für dich, du liebe Himbeermarmelade, habe ich auf 23 andere, teils wirklich gute Marmeladen verzichtet. Ich will also nun sehr hoffen, dass du diesen enormen Verzicht wert bist.“ Alles andere wäre schlicht eine Enttäuschung.

Und enttäuscht sind wir, wenn wir die falsche Wahl getroffen haben. Wir fangen an zu grübeln: Warum habe ich mich – von den unzähligen Ferienorten, die es gibt – ausgerechnet für dieses Hotel auf dieser (verregneten) Insel entschieden? „Je mehr Optionen sich bieten, desto mehr Hätte-ich-Dochs lassen sich finden. Und mit jedem Hätte-ich-Doch wird die Reue größer und die Zufriedenheit mit der getroffenen Wahl kleiner“, schreibt der US-Psychologe Barry Schwartz. „Es mag zwar ärgerlich sein, in eine Bank zu gehen und festzustellen, dass nur eine Kasse offen ist und eine lange Schlange davorsteht. Aber es gibt keinen Anlass zum Bedauern. Doch was, wenn es zwei lange Schlangen gibt und wir wählen die falsche?“

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Schlagworte
Beruf | Karriere | Partnerschaft | Persönlichkeit | Psychologie
Autor
Ulrike Fach-Vierth