Psychologie

Entspannung Einfach mal nichts tun: So kommen wir gelassener durchs Leben

Frau im Pool

Mein Nachttisch bricht demnächst zusammen. Die Befürchtung überkommt mich immer beim Schlafengehen. Ich mute ihm einfach zu viel zu. Mittlerweile stapeln sich bestimmt 30 Bücher auf ihm. Sie reichen von „Gone Girl“ (meine Freundin sagt, ich werde es verschlingen!) über „Schiffbruch mit Tiger“ (gewisse Klassiker sollte man kennen) bis „Der Hundertjährige …“ (immer noch besser, als sich nur von der Glotze berieseln zu lassen). In dem fünften Buch von unten, einem Krimi, steckt auf Seite 18 eine Postkarte von Marc aus Italien. Da war er vorletzten Sommer. Ist also schon ein Weilchen her, dass ich den Einstieg las – und das Buch liegen ließ. Ein lila Einband, recht weit oben, hat Staub angesetzt. Historienroman halt. Als ich die Flusen wegzupusten versuche, plagt mich mal wieder das schlechte Gewissen. Ich lese zu wenig. Ich müsste auch mehr Sport machen, sollte mich öfter ums Networking kümmern, die Strähnen mal wieder auffrischen lassen. Und wenn ich nicht bald Balkonpflanzen kaufe, werde ich die Leergutkästen vergangener Partys wohl ein weiteres Jahr dort draußen verwahren. Apropos, wann habe ich eigentlich das letzte Mal für Freunde gekocht? Es kommt alles zu kurz. Obwohl ich permanent im Funktionsmodus bin: Listen abarbeite, Terminhopping betreibe und alles in die Woche quetsche, was eben so erledigt und erreicht werden will. Um mich herum sieht es kaum anders aus. Meine Nachbarin scheint wie aufgezogen, seit auch der Jüngs te von dreien die Kita besucht und sie wieder arbeiten geht. Treffen wir im Treppenhaus aufeinander, ist sie gefühlt schon aus der Tür, bevor wir ein rasches „Wie geht’s?“ wechseln konnten. Etliche Frauen, die auf der Straße an mir vorbeihuschen, wirken verbissen, gehetzt und getrieben. Eine Kollegin geht fast an die Decke, als sich jemand einen harmlosen Scherz erlaubt.

So finden Sie Ihr Glück!

Gelassenheit und Lässigkeit sind nicht gerade die Attribute, die unsere Gesellschaft treffend beschreiben. „Derzeit wird vor allem der Verstand wertgeschätzt“, sagt Karin Krümmel, Psychologin aus Berlin (lifecoach-berlin.de). „Reiß dich zusammen!“, lautet das Credo. „Mach was draus!“, „Nimm mit, was geht!“ Also strampeln und streben wir, kämpfen und knirschen. Müssen es dem Chef beweisen, wollen vor Freunden auftrumpfen, der Familie Zeit widmen und so vielen Anforderungen gerecht werden, dass nur noch die Fernsteuerung fehlen würde, um unser Roboter-Dasein zu perfektionieren. „Die Mehrheit der Menschen lädt sich mittlerweile weit mehr als 100 Prozent des Machbaren auf“, sagt die Psychologin. Wir könnten nicht mehr filtern, hätten verlernt zu hinterfragen, was wir uns tatsächlich zumuten möchten. Kaum kommt ein neuer Impuls von außen, wird noch mal obendrauf gestapelt. Ungeachtet dessen, was der Bauch dazu sagt. Ein neues Abteilungsprojekt? Klar, kommt gern in meinen Verantwortungsbereich. Man soll sich ja flexibel zeigen. Ach, am Wochenende ist Festival? Bin ich am Start, will ja kein Spielverderber sein. Was wir dabei nicht bedenken: Körperliche Kraft ist endlich. Und unserem Charisma tut es auch nicht gut, wenn anstelle eines tollen Teints und frischen Elans nur fahle Fassade und ein starrer Blick übrig bleiben. Krümmel: „Wir sind nur dann energiegeladen und motiviert, wenn der Kopf mit unseren Gefühlen und dem Körper kooperiert.“ Wenn wir also nicht nur müssten und sollten, sondern wollen und werden. Wenn wir uns nicht davon beherrschen lassen, was andere von uns erwarten, was die Gesellschaft vorgibt und welche Rollen uns zugedacht sind. Sondern viel öfter darauf achten, wann unser Herz hüpft, was uns guttut und was wir uns wünschen.

Leichter gesagt als getan? Stimmt schon. Keiner kann sich von heute auf morgen von sämtlichen Verpflichtungen lossagen und nur noch von Luft und Liebe leben. Krümmel: „Aber es ist schon ein Riesenschritt, wenn man überhaupt wieder mitkriegt, wie es einem gerade geht.“ Mal ganz ehrlich: Wie oft nehmen wir kalte Füße und knurrenden Magen erst Stunden später wahr, weil wir uns so sehr in eine Sache vergraben und das Bewusstsein weggeknipst haben? Wie oft halten wir am Tag nicht ein einziges Mal inne und merken erst auf der Couch am Abend, wie erschlagen wir eigentlich sind. „Netter und friedlicher geht mit sich um, wer mindestens fünfmal am Tag in sich hineinhorcht und die eigenen Bedürfnisse erspürt“, sagt Karin Krümmel. Man kann auch die Floskel „Wie geht’s?“ aus seinem Umfeld zum Anlass nehmen, sich ernsthaft zu fragen, wie man sich fühlt. Muss das Gegenüber ja nicht erfahren, wenn die schlichte Antwort lautet: „Mir ist kalt, und ich muss mal Pipi.“ Ein erster Schritt – weg vom Kieferknacken und hin zu einem entspannten Lächeln – kann es Krümmel zufolge auch sein, das Gefühl der Fremdbestimmtheit einzudämmen. „Wenn sich die Gedanken permanent darum drehen, dass man ja gar keine Wahl hat, sinkt die Lebensqualität ziemlich rasant.“ Man kann aber sehr wohl dafür sorgen, dass es einem immer mal wieder selbstgesteuert gut geht. Zum Beispiel, indem man sich eine Weile ausklinkt und um den Block geht, statt stur seinen Schreibtischstapel zu be ackern. Oder ein Telefonat mit der Freundin einlegt, statt den Wäscheberg abzubauen. Sich von Verpflichtungen aktiv loszusagen, und sei es auch nur für kurze Zeit, hat einen irre großen Effekt. Weil man sich wieder spürt. Und das Pensum besser bewältigt kriegt, wenn ein Ausgleich existiert – wie klein er auch ist.

„Ich hatte mal eine Klientin, die anfing, einmal die Woche zum Zumba zu gehen. Allein dieses Zugeständnis führte dazu, dass sie ganz viel Verbissenheit ablegte.“ Sie bemerkte, wie sehr sich ihr Körper nach mehr Bewegung gesehnt hatte. Und wie lang es her gewesen sein musste, seit sie das letzte Mal mit so viel Spaß und Begeisterung bei einer Sache war. Noch dazu mit neuen Leuten, die genauso empfanden. Solche Aktionen wirken Krümmel zufolge wie Akupunkturnadeln: Ein kleiner Piks reicht, schon steigt das allgemeine Wohlbefinden, und man hat wieder mehr Power, um die Dinge zu wuppen.

Entspannung durch Meditation

Auch ganz wichtig: seine Gefühle vor anderen nicht dauernd zu leugnen. „Wir posten heute so oft simple Smileys, behaupten ,es läuft‘ und befürchten das Gegenteil“, sagt Karin Krümmel. „Das Internet ist zur Barriere geworden, die uns daran hindert, mit all unseren Emotionen wahrgenommen zu werden.“ Dabei wäre es viel gesünder, sich von Angesicht zu Angesicht auszutauschen. Ein gutes Gespräch hilft hundertmal mehr, um Druck abzulassen und locker zu werden – als permanent darüber hinwegzufegen und überhaupt kein Ventil mehr zu kennen. „Seien Sie zu sich selbst so ehrlich wie möglich“, rät die Berlinerin. Was hilft es schließlich, wenn man sich einredet, dass alles fein ist, weil der Chef einen gestern gelobt hat – wenn man für den Schulterklopfer unverhältnismäßig viel reinklotzen musste und dann im Eimer ist? „Wir kommen nicht daran vorbei zu sortieren: Was hat oberste Priorität? Was erfüllt mich? Was führt zu Überforderung?“ Im Zweifel haben von einem gelegentlichen „Schaffe ich nicht“ alle mehr, als wenn Sachen halbherzig, schnell, schnell und kraftlos über die Bühne gehen – und am Ende noch Selbstvorwürfe stehen, anstatt dass Freude am Gelingen aufkäme. Und noch einen Rat hat die Psychologin, um sich möglichst lebendig und strahlend, nicht abgestumpft und eingefroren zu fühlen: den Machen-Modus in der Freizeit abstellen. Und: Stillstand aushalten. Wer sagt denn, dass ein Wochenende nur dann gelungen ist, wenn man am Montagmorgen in der Kaffeeküche möglichst viel zu erzählen hat? Und dass ein Urlaub allein dafür da ist, all das zu erledigen, wozu man sonst nicht kommt? Wände streichen, ausmisten, feiern gehen, Bücher lesen (!). „Selbst das Vorhaben, endlich den Wellnessgutschein einzulösen, kann schon kontraproduktiv sein“, sagt Karin Krümmel. Dann nämlich, wenn es nur „längst überfällig“ ist. Stattdessen darf man sein Herz befragen, ganz spontan: Wonach ist mir jetzt zumute? Wem nach Gammeln ist, macht das halt. Und erzählt auch, dass er gegammelt hat – die meisten werden ihn heimlich beneiden, weil sie selbst mal wieder das volle Programm abgespult haben.

Gleiches gilt übrigens für die Karriere: Nur weil überall propagiert wird, man solle einen Schritt weiter denken, sich umhören und auf die richtigen Leute zugehen, heißt das noch lange nicht, dass Sie mitspielen müssen. Nichts spricht dagegen, eine ganze Zeit lang auf ein und demselben Stuhl zu sitzen, souverän seine Sache zu machen und sich pünktlich in den Feierabend zu verabschieden – solange sich das gut anfühlt. Heute Abend entlaste ich meinen Nachttisch endlich. Die Bücher kommen zurück ins Regal – und auf den Tisch ein federleichtes Einrichtungsheft. Habe ich nämlich gerade Lust drauf.

ICH MACH MICH LEICHT – FÜR EINEN TAG!

1 NICHT ZUSTÄNDIG FÜHLEN

Nehmen Sie mal alles genau so hin, wie es ist – und zwingen Sie den Dingen nicht Ihren Willen auf. Das befreit!

2 PROBLEME AUSBLENDEN

Versuchen Sie, nicht alle Hürden des Lebens auf einmal zu nehmen. Step by Step geht es eindeutig leichter.

3 AUSZEIT NEHMEN

Machen Sie mal eine ganze Stunde lang nichts: keine Pläne, kein Programm, kein Klein-Klein. Gar nicht so leicht, oder?

4 PFLEGEN & KURIEREN

Verwöhnen Sie Ihren Kör per und beachten Sie seine Bedürfnisse. Tut gut!

5 ZWEIFEL BESEITIGEN

Blenden Sie Ängste heute mal aus und denken Sie bewusst positiv

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Schlagworte
Lifestyle | Psychologie | Wellness
Autor
Katja Bosse