Psychologie

Eltern Mutti ist die Beste, oder?

Sie hat uns aufgezogen, angezogen und erzogen, ist Vorbild und Feindbild in einem – die Mutter. PETRA-Autorin Ellen Mangold über eine schwierige Beziehung. Und fünf Frauen über das große und das kleine Drama mit Mama – und wie man sich trotzdem weiter lieb hat.
Mütter ziwschen Haushalt, Kind und Karriere
    

Trägt man das jetzt so?“ Mama steht in der Haustür mit ihrem Boutiquen-Blick und mustert die neue pinkfarbene Hose. Wahrscheinlich folgt gleich ein Kommentar darüber, ob man in letzter Zeit ein bisschen zu viele Butterbrote gefuttert hätte. Und um das Maß voll zu machen, der vorwurfsvolle Zusatz, dass man sich ja seeeehr lange nicht gemeldet hätte. Ja, zwei Tage, um präzise zu sein. Dann schließt man entweder innerlich die Augen und zählt bis zehn oder gibt eine pampige Antwort, die nur dazu führt, dass Mama schmollt. Sie wolle ja schließlich nur das Beste für ihr Kind. Fragt sich nur, was das Beste ist. Und wie es sein kann, dass man sich als gestandene Frau, die doch sonst im Leben alles perfekt im Griff hat, von seiner Mutter freiwillig diskriminieren lässt. Wieso scheint unser Wort bei ihr weniger Gewicht zu haben als sonst irgendwo auf dieser Welt? Warum lässt man sich von ihr Dinge ins Gesicht sagen, die man seinen Freunden nie durchgehen ließe? Und wie, verdammt noch mal, schafft sie es, uns in Sekundenschnelle in eine brüllende Vierjährige zu verwandeln? Fakt ist: Im Mutter-Tochter-Twist gibt es keine einfachen Antworten, hier regieren die Extreme. Niemand war uns je näher, niemand verletzt uns effektiver – und an niemandem hängen wir mehr als an unserer Mutter.

Nur wenige Töchter haben ein enges und ungetrübtes Verhältnis zu der Frau, die uns unter Schmerzen auf die Welt gebracht hat, wie es so schön heißt. Die Verbindung ist komplex, belastet durch zu hohe Erwartungen und oftmals auch geprägt von der Wut über die eigene Schwäche, immer wieder unsouverän auf typische Mama-Bemerkungen zu reagieren. Dazu kommen Schuldzuweisungen: Julia Onken, Psychologin und Autorin des Buches „Rabentöchter – Warum ich meine Mutter trotzdem liebe“ (siehe Seite 117), sagt dazu: „Töchter haben das Gefühl, sie müssten sich mehr um die Mutter kümmern – und Mütter haben Töchtern gegenüber Schuldgefühle, weil sie denken, etwas falsch gemacht zu haben.“ Psychologen bezeichnen die Verbindung als Mutter aller Beziehungen, Töchter beißen sich an ihr die Zähne aus.

Die einen kämpfen um Liebe, die anderen um Anerkennung

Dabei sind die Probleme so vielfältig wie die Menschen selbst: Die einen Töchter kämpfen um Liebe und Anerkennung, die anderen um Freiheit und Selbstbestimmung – und der Rest um alles zusammen. Dabei schien am Anfang alles so einfach. Mama, das war die erste große Liebe, das wärmste Gefühl und die wohligste Nähe, eine duftige Federdecke aus Geborgenheit und Sicherheit. Als kleines Mädchen will man so aussehen wie sie, malt sich mit ihren Lippenstiften an, stellt seine kleinen Füße in die großen Schuhe mit den Absätzen und ruckelt darin zum Regal hinüber, um an ihren Parfum-Flakons zu schnüffeln. Was Weiblichkeit bedeutet, lernen wir von ihr. Sie ist das erste Vorbild, an dem wir uns orientieren. Wir bauen ihr einen Sockel aus Kochtöpfen mit warmem Vanillepudding, Lockenwicklern und Seidenschals. Und wie es mit Vorbildern auf Sockeln so ist – irgendwann fallen sie doch. Entweder kickt man sie selber herunter, oder sie fallen von selbst um. Kaum ein Moment ist bitterer als der, in dem wir erkennnen, dass Papa nicht allwissend, sondern rechthaberisch ist, und dass Mama nicht die schönste Frau der Welt ist, sondern der Mensch, der uns die Cellulite vererbte.

Das ist vielleicht der Augenblick, in dem wir beschließen, niemals so zu werden wie sie. „Matrophobie“ bezeichnet die Furcht, der Mutter zu ähnlich zu werden. Wenn der Partner plötzlich sagt „Du redest schon wie deine Mutter“, bekommen wir es mit der Angst zu tun. Wie lange haben wir dafür gekämpft, wir selbst zu sein. Unsere Mutter ist doch der Gegenentwurf, aus dem wir uns geschaffen haben! Dass man gleichzeitig ein schlechtes Gewissen bekommt, weil man die Mutter ja lieben und ehren soll, macht es nicht besser. Julia Onken erklärt diesen Konflikt so: „Mütter leisten zwar wahnsinnig viel – besonders wenn sie berufstätig sind –, aber die gesellschaftliche Anerkennung bleibt auf der Strecke.

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