Karriere

Leben Ich mach das jetzt!

Wann ist es an der Zeit für die großen Dinge: Weltreise, Selbstständigkeit, Kinderkriegen? Wir sagen: lieber sofort als irgendwann! Drei Frauen erzählen von ihrem "perfekten Moment" – oder wie sie ihn dazu machten.
Perfekter Moment
  

Die einen tauen Fischstäbchen auf, die anderen frieren Eizellen ein. Die einen richten Häuser her, die anderen lösen Wohnungen auf. Die einen packen Still-BHs ins Köfferchen, die anderen den Bikini für Bali: Nie waren die Lebensentwürfe von uns Frauen unterschiedlicher als heute. Weil wir frei entscheiden können, ob wir erst etwas Clubbing betreiben oder sofort die Karriere anschieben; ob wir das Ticken der biologischen Uhr erhören oder den Wecker auf lautlos stellen; ob wir schon mal einen Bausparvertrag abschließen oder lieber noch den Bankberater daten. Alles ist möglich, alles "in time".  Das "Wann" bleibt jedem selbst überlassen – was uns herrlich frei macht. Aber manchmal auch etwas verunsichert: Weil wir nicht wissen, ob wir uns immer auf unser Gefühl verlassen können, um den besten Zeitpunkt zu erspüren. Schließlich wollen wir weder etwas verpassen noch später bereuen. Weder in blinden Aktionismus verfallen noch alles aufschieben. Weder die Erste noch die Letzte sein… Für PETRA berichten drei Frauen, wie sie den perfekten Zeitpunkt für Selbstständigkeit, Familie und eine Weltreise gefunden haben.

Wie erkenne ich den richtigen Zeitpunkt für eine Veränderung?

"Der gesellschaftliche Wandel bietet uns viele Gelegenheiten, von denen frühere Generationen nur träumen konnten", sagt die Psychologin Karin Krümmel aus Berlin (lifecoach-berlin.de). "Aber er bringt in Sachen Zeitmanagement eben auch neue Herausforderungen mit sich." Die Orientierung fällt uns heute schwerer: Dauernd sollen wir Chancen erkennen und Entscheidungen treffen. Während weite Teile des Weges früher vorgezeichnet schienen und höchstens mal kleine Kreuzungen kamen, folgt heute ein Kreisel auf den nächsten. Und ohne Navi fällt es schwer, die Ausfahrt im rechten Moment zu erwischen. "Entscheidend für ein erfolgreiches Timing ist, dass wir uns regelmäßig fragen, ob wir gerade glücklich sind", so Karin Krümmel. "Ob wir uns für das, was wir tun, begeistern können – und unseren Fähigkeiten ausreichend Raum geben." Was nützt ein gut bezahlter Schreibtischjob, wenn unsere größte Stärke darin besteht, andere für uns einzunehmen? Wozu einer Stadt treu bleiben, die kein Wohlgefühl erzeugt? Sind wir mit der Gesamtlage unzufrieden, lautet der richtige Zeitpunkt: jetzt! Jetzt etwas ändern! Jetzt eine Entscheidung treffen, die weiter reichend ist als die Wahl eines neuen Outfits. Sich etwas vorzumachen und auf bessere Zeiten zu hoffen, wäre ja die reinste Verschwendung. Dann lieber allen Mut aufbringen und etwas riskieren. Im schlimmsten Fall ist der neue Job genauso doof. Im besten Fall findet man in der neuen Stadt nicht nur Lieblingsplätze, sondern auch noch einen Liebsten.

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Die richtigen Prioritäten setzen

Wer eigentlich ganz happy ist und sich trotzdem manchmal fragt, ob seine Zeiger richtig gehen, kann an kleineren Rädchen im Uhrwerk drehen: Kein Mensch glaubt ja, dass das gesamte Leben planbar wäre. "Trotzdem hilft es, sich hin und wieder vor Augen zu führen, ob der generelle Kurs wohl stimmt, um später zufrieden zurückzublicken." Wer das Studium in die Länge zieht, sollte bloß nicht die Vorstellung haben, im Pekip-Kurs die Jüngste zu sein. Wer mit der Rücklagenbildung nicht in die Pötte kommt, weil alles Geld beim Shoppen draufgeht, sollte nicht stillschweigend davon ausgehen, dass die Kohle fürs Haus schon irgendwann da ist. Vielleicht kommt man aber doch schnell zu der Erkenntnis, dass es zu verschmerzen wäre, ab sofort ein paar Scheine abzuzwacken – um sich in zehn Jahren darüber zu freuen, dass man rechtzeitig vorgesorgt hat. Umgekehrt ist es natürlich auch denkbar, dass die Findungsphase gerade so inspirierend ist, dass alles andere warten muss. "Wer Prioritäten setzt, macht sich aktiv bewusst, dass sich andere Projekte nach hinten verschieben." Erfahrungsgemäß melden sich der Expertin zufolge die Angelegenheiten, die uns wirklich am Herzen liegen, auch immer mal wieder bei uns. Man braucht also keine Angst zu haben, den Zeitpunkt für wichtige Dinge zu verpassen – solange man auf sein Herzklopfen hört und Eingebungen vertraut.

Neuanfänge wagen

"Es gibt Momente im Leben, da spricht vom Verstand nicht so vieles dagegen, und zusätzlich überkommt einen ein Impuls", weiß Karin Krümmel aus ihrer Beratung. Man sieht sich eine Mietwohnung an – und plötzlich bietet sich die Chance, sie zu kaufen. Oder man hat gerade eine Kündigung auf den Tisch bekommen. Sehen Sie die Kündigung als Chance für den Neustart. Was spricht dagegen, jetzt endlich die lang ersehnte Reise zu unternehmen? Die Zeit wäre sinnvoll genutzt, der Tapetenwechsel beflügelt: Vielleicht kommt einem unter einer balinesischen Palme die weltbeste Geschäftsidee. Und das gute Gefühl, die Reise gewagt zu haben, kann einem niemand mehr nehmen. Andere nehmen sich Neidgefühle zum Wegweiser: Sie bemerken vielleicht, dass es ihnen jedes Mal einen Stich versetzt, wenn die Freundin von ihrer neuen Selbstständigkeit spricht. Weil in ihnen auch ein Traum schlummert, der gern verwirklicht werden würde. "Trauen Sie sich, ihn an die Oberfläche zu holen, ihn auszusprechen und ernsthaft in Erwägung zu ziehen", rät die Expertin.

Der richtige Zeitpunkt ist jetzt

"Und zwar nicht für irgendwann, sondern für einen festen Termin." Dann kommt nämlich erst Leben rein. "In dem Moment, in dem wir uns zeitlich festlegen, steigen Motivation und Tatkraft." Statt andere heimlich dafür zu bewundern, dass sie so viel weiter sind, krempelt man lieber selbst die Arme hoch. Sicher, es gibt auch vorschnelle Kandidatinnen, die grundsätzlich von jetzt auf gleich entscheiden – und die lieber noch mal eine Nacht drüber geschlafen hätten, bevor sie versuchen, ein Projekt durchzuziehen, das etwas Vorlauf benötigt hätte. Die Mehrheit neigt aber eher dazu, lange zu zögern. "Um Fehler zu vermeiden, lassen sie alles passieren, statt in den Zeitverlauf einzugreifen", sagt die Psychologin. Dabei wird man selbst nach allem Abwägen nie sicher wissen, ob es rückblickend richtig war. "Stehen Sie zu Ihrer Unsicherheit und entlasten Sie Ihre Entscheidung mit der Erkenntnis, dass Sie zum jetzigen Zeitpunkt Ihr Bestmögliches geben, damit alles gut anläuft.“ Unendliche Gedankenschleifen würden ebenso wenig bewegen wie zu viele Gespräche. Wägt man ab, ob man schon bereit für ein Baby ist, wird die Freundin aus Kindheitstagen erzählen, dass es die beste aller Entscheidungen war, früh mit der Familienplanung loszulegen. Mutti wird hingegen einwenden, dass der vermeintliche Vater noch gar keine Festanstellung hat. Und die Kollegin weiß zu entgegnen, dass man erst mit 40 gelassen genug in die Mutterschaft geht. Dabei erzeugte der Gedanke bei uns vielleicht gerade zum ersten Mal ein angenehmes Kribbeln.

Schützen Sie Ihren Plan

Gleiches gilt für alle möglichen Wünsche, die zu erfüllen Mut erfordert. "Schützen Sie Ihren Plan, wenn Sie mit anderen darüber reden“, rät Karin Krümmel. "Betonen Sie, was Sie begeistert, statt nur über die Zweifel bezüglich des Zeitpunkts zu sprechen." So fällt es leichter, der Sehnsucht Raum zu geben, einer Idee Vertrauen zu schenken und die damit verbundenen Gefühle gedeihen zu lassen. "Im Idealfall kriegt man Herz und Kopf synchronisiert", sagt die Expertin. Heißt: Der Gedanke, jetzt etwas anzupacken, fühlt sich überwiegend gut an – und man erlaubt sich, daran zu glauben. "Und denken Sie bloß nicht, dass alle anderen solch einen Entschluss absolut souverän und locker fassen würden", sagt Karin Krümmel. Jedem geht die Düse, wenn er einen Kaufvertrag unterschreiben soll, die Kündigung oder das Visum. "Statt zwanghaft locker sein zu wollen, darf man seine Nervosität ruhig annehmen", so die Psychologin. "Sie geht vorbei." Ebenso wie der Bammel, der einen überkommt, wenn man einen Moment bewusst verstreichen lässt, weil man sich gegen den sofortigen Switch sträubt. Hauptsache, man hat sich Gedanken gemacht und ist zeitlich mit sich im Reinen. Dann kann man es entweder noch eine Weile genießen, am Wochenende bis in die Puppen im Bett zu bleiben, weil niemand nach Bespaßung kräht. Oder stolz verkünden, dass man einen Entschluss gefasst hat. Oder sich an der kribbeligen Nervosität erfreuen, die einen erfüllt, wenn man in neue Zeiten aufbricht.

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Schlagworte
Familie | Job | Karriere | Kinder | Lifestyle
Autor
Katja Bosse