Karriere

Talk About Haben Frauen Angst vor Karriere?

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Frauenquote - und jetzt?

Gefühle im Job
Gefühls-Management im Job
Frau Virzí hat ein Riesenproblem. In einem Interview mit der Zeitschrift „Cicero“ berichtet die Headhunterin, dass sie häufig Frauen vor sich sitzen hat, die am Anfang sagen: „Ich will ganz nach oben.“ Doch dann reichen ein, zwei Fragen vonseiten der Personalexpertin, die sich auf die Vermittlung von weiblichen Führungskräften spezialisiert hat – und schon knicken die Kandidatinnen ein. Sie realisieren plötzlich, dass sie doch nicht auf den Chefsessel wollen. Beim Gedanken daran wird ihnen mulmig, es kommen Zweifel. So wie Christiane Virzí ergeht es derzeit vielen Personalern. In der Fachpresse und auf Karriereportalen werden immer wieder die gleichen Erfahrungen mit den potenziellen Chefinnen geschildert: Die Personalgespräche nähmen im Schnitt doppelt so viel Zeit in Anspruch wie die mit den männlichen Bewerbern. Frauen würden viel mehr Fragen stellen und im Erstgespräch gleich alle möglichen Nachteile unter die Lupe nehmen – und am Ende öfter Nein sagen. Ist es zu glauben? Dabei hieß es doch immer „Hey, ihr Krawattenträger, macht Platz für weibliche Karrieren und mehr Frauen an der Spitze!“. Stand die Diskussion der letzten Jahre doch unter einem völlig anderen Stern – Stichwort Frauenquote.

Nachdenklich statt mutig

Bis heute nicht durchgesetzt, setzte die Debatte über die Quote dennoch etwas in Gang, wenn auch langsam. Dass Chefsein immer noch Männersache zu sein scheint,hat jedenfalls nur noch bedingt mit den alten Strukturen oder mit der Karriere-oder-Kind-Frage und mangelndem Teilzeitangebot zu tun. Immer mehr Firmen halten gezielt nach weiblichen Spitzenkräften Ausschau. Nicht nur, dass sich gemischte Teams als viel erfolgreicher erweisen, der zunehmende Fachkräftemangel spielt den Frauen zusätzlich in die Hände. Juhu! Wir sind die heiß begehrte Mangelware der Zukunft. Worauf warten wir noch – woran liegt es also, dass sich viele Frauen lieber in der dritten Reihe verstecken? Dass sie es tun, bestätigt auch die aktuelle forsa-Umfrage im Auftrag von PETRA: Fast jede zweite der Befragten winkte schon allein bei der Vorstellung ab, einmal Chefin zu sein. Headhunterin Virzí bestätigt, dass Frauen eher zögerlich reagieren, wenn es um einen großen Karriereschritt geht. Die vielen Fragen, die sie sich im Vorfeld einer solchen Entscheidung stellen, sind ja durchaus wichtig. Werde ich im Privaten viele Abstriche machen müssen? Bleibt mir genug Zeit, morgens ein Kind in die Kita zu bringen und abends ins Bett? Auf das Leben neben dem Job legen Frauen nämlich mehr Wert als Männer – und sie befürchten, sich zwischen den beiden Polen zu sehr aufzureiben.

Die Formulierung macht's

Gesunde Ernährung im Job
Hinter der Tatsache, dass immer noch zu wenige von uns in den Chefsesseln sitzen, verbirgt sich aber auch eine schlichte, weniger charmante Wahrheit: Die meisten der Frauen haben ganz einfach Angst, sie fürchten sich vor der Macht. Sich auf unbekanntes Terrain begeben, wo einem auch mal ein kalter Wind um die Ohren pfeift? Nicht immer lustig. Da gehen wir doch lieber in Deckung. Das beobachtet auch die Ökonomin und Autorin Barbara Bierach („Das dämliche Geschlecht“, Wiley, 222 Seiten, 14,95 Euro). Nach einigen Jahren im Job hätten Frauen zudem oft genug gesehen, wie leicht Macht missbraucht werden kann. Die Teppichetagen verlören ihren Reiz, zu rau seien die Sitten, zu hoch der Preis für den Erfolg. Wer das Spiel mitspiele, riskiere, als unweiblich und rücksichtslos zu gelten – und nicht gemocht zu werden. Solche Situationen auszuhalten oder Entscheidungen gegen Widerstände durchzuboxen, benötigt Eigenschaften, die klassischerweise eher Männern zugeschrieben werden. "Alles Vorurteile, Klischees, Schnee von gestern!“, könnte man jetzt einwenden. Es geht auch anders. Längst konnte sich doch ein weiblicher Führungsstil etablieren! Stimmt zwar, aber herumgesprochen hat sich das nicht überall. Das spiegelt übrigens auch die Art wider, in der Stellenanzeigen für Chefpositionen formuliert sind: „Projektleiter (m/w), durchsetzungsstarke Persönlichkeit, Führungsqualitäten.“ So klingt eine typische Stellenanzeige. Gerne fallen da auch typisch maskulin besetzte Begriffe wie „offensiv“ oder „analytisch“. Na bravo! Wer uns mit so einer Stellenanzeige hinterm Schreibtisch hervorholen will, der könnte uns auch gleich einen Drohbrief schicken. Das besagen zumindest die Studien der Wissenschaftlerinnen von der Technischen Universität München (TUM), die die Wirkung von Stellenanzeigen genauer untersuchten. Kein Wunder, lautet ihr Fazit, dass die Firmen vergeblich auf weibliche Bewerberinnen warten. Ihrer Meinung nach wäre es sehr leicht, scheue Kandidatinnen aus der Reserve zu locken: Stünden da Eigenschaften wie „verantwortungsvoll“, „gewissenhaft“ oder „kontaktfreudig“, gäbe es kein Problem. Vielen Frauen liegt es nicht, die eigene (Fach-)Kompetenz selbstbewusst darzustellen. Dazu kommt es häufig gar nicht, weil sie sich so lange mit den neuen Anforderungen beschäftigen, bis sie sicher sind, diese nicht zu erfüllen.

"Never leave a winning team"

Frau repariert Auto
Muss ich immer lieben, was ich tue ?
„Ist mein Englisch wirklich so fließend?“, fragt sich die Einserkandidatin mit Master. „Was, wenn auffliegt, dass ich offiziell noch nie Mitarbeiter geführt habe – und oh je, das eine Computerprogramm kenne ich gar nicht.“ Man ahnt es, aber wiederholen müssen wir es an dieser Stelle trotzdem: Ein Mann überfliegt nur kurz das Jobprofil und schickt noch am gleichen Abend seine Bewerbung ab. Oder ruft einfach „hier!“, sobald ein Stuhl in der ersten Reihe wackelt. Während er sich denkt: Das wird schon! Ein weiterer Karriere-Verhinderer ist das Fleißige-Bienen- Syndrom. Ausarbeiten und perfektionieren, bis die Puste ausgeht. „Jeder macht mal Fehler, ich und du“, sang zwar schon Bibo aus der Sesamstraße, Frauen aber setzen alles daran, Fehler zu verhindern. Und während man noch dabei ist, Feinschliff zu betreiben, überholen andere. „Frauen sollten sich nicht wundern, wenn sie trotz überdurchschnittlicher Leistungen nicht weiterkommen“, sagt die Wirtschaftsmediatorin Sigrid Meuselbach. Für den Vorgesetzten sind Fleißbienen ein echter Hauptgewinn. Meuselbach: „Sie machen die Arbeit im Hintergrund, mit der er sich dann schmücken kann.“ Aber warum sollte er auf die dumme Idee kommen, seine zuverlässigsten Kräfte zu befördern? Muss er auch oftmals gar nicht, weil es Frauen schwerfällt, ihre vertraute Umgebung zu verlassen. Sie sehen eher das Risiko, wo Männer die Chance wittern. Gehen, wenn’s am schönsten ist? Das mag für Partys gelten, aber im Job leben wir Frauen eher nach dem Motto „Never leave a winning team“. Läuft doch irgendwie alles, wer weiß, was einen auf der anderen Seite erwartet? Etwas Gegenwind vielleicht, aber als Ausgleich Entscheidungsfreiheit und jede Menge Gestaltungsraum.

Augen offen halten

Schade eigentlich, denn die Chancen für Karriere standen noch nie so gut – und im Grunde steuern wir ja schon in die richtige Richtung. Wir sind sogar schon verdammt weit gekommen: Ein Drittel der deutschen Führungskräfte im mittleren Management sind inzwischen Frauen. Hätte uns vor 20 Jahren jemand erzählt, dass unser Land in einigen Jahren eine Frau regiert, wären wir zusammengebrochen – vor Lachen über so viel Naivität! Aber sollen Frauen, die gar nicht wollen, in den Chefsessel gezwungen werden? Die Wirtschaftswissenschaftlerin Sonja Bischoff führte dazu eine interessante Studie durch. Sie befragte junge Chefinnen, ob sie den Chefposten bewusst angestrebt hatten – und nur ein Fünftel hatte dieses Ziel zu Beginn der Karriere vor Augen. Geklappt hat’s trotzdem. Vielleicht geht es genau darum: Chancen nicht automatisch vorbeiziehen zu lassen – sondern die Augen offen zu halten.

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