Karriere

Beruf Muss ich immer lieben, was ich tue ?

Das Leben und der Job scheinen neuerdings nur noch erfüllend zu sein, wenn wir alles mit größter Leidenschaft angehen und das Maximum erreichen. PETRA-Autorin Constanze Frisch über die Frage, ob nicht einfach mal zufrieden sein am Ende doch glücklicher macht.
Frau repariert Auto
   

Niemand von uns möchte mittelmäßig sein. Man möchte vielleicht nicht mit dem kunterbunten Harald Glööckler tauschen, aber für eine Sache zu brennen, das wäre schon etwas. Dann wäre man ein ganz besonderer Mensch mit einer ganz besonderen Leidenschaft für seinen Beruf.

Doof nur, wenn man jeden Morgen sein mittelblondes Haar kämmt, den gleichen Bus nimmt, in seine Sparkasse stapft und abends wieder nach Hause kommt, ein bisschen müde, ein ganz normaler Tag eben. Eigentlich würde es uns ja gar nicht stören, wenn da nicht dieser Gedanke wäre, der in unserem Hinterkopf schwelt: „Du musst lieben, was du tust, sonst bleibst du mittelmäßig.“ Woher kommt der eigentlich?

Der Anspruch im Job Erfüllung zu finden

Vielleicht waren es die Eltern, die uns einbläuten, dass man 100 Prozent Leistung bringen muss, um erfolgreich zu sein und anerkannt zu werden – dabei erinnert man sich eher daran, dass gerade die eigenen Eltern in erster Linie arbeiten gingen, um Geld zu verdienen. Schließlich musste die Miete bezahlt werden. Aber man selbst sollte es besser haben – und besser machen. Fleiß reichte nicht. Man sollte brennen. In der Schule für seine Noten, in der Ausbildung um den besten Abschluss. Und jetzt im Job, um weiterzukommen. Und wehe, man macht abends einmal den Fernseher an und schaltet in eine Castingshow – nur aus Versehen, ist schon klar: Schon reiben Detlef D! Soost, Dieter Bohlen, Nena und Co einem unter die Nase, dass man das, was man tut, lieben muss. Sonst wird man nichts, bleibt ein Nichtskönner, der aus dem Rennen fliegt, bevor man piep sagen kann. Muss man jeden Morgen vor Freude durchdrehen, weil man seinen Job so grandios findet? Literweise Herzblut in jedes noch so kleine Projekt investieren und abends so lange bleiben, bis man als Letzter das Licht ausmacht?

Muss man mit seinem Job eine glühende Beziehung führen – darf man ihn nicht als guten Bekannten sehen, mit dem man gern Zeit verbringt – aber nicht mehr?

Die Suche nach dem Sinn des Lebens

Schwer zu sagen. Denn in einer Welt, in der es gilt, ständig in allem die totale Erfüllung zu finden, reicht es nicht mehr, einfach pünktlich und emsig zu sein. Böse Zungen mögen behaupten, dass der Grund darin liegt, dass wir zu viel Zeit haben, um nach dem Sinn in allem zu suchen. Stimmt vielleicht. Es geht uns ja gut, wir haben genug zu essen und anzuziehen, also muss das Leben – und die Arbeit – uns mit einem ganz tiefen Sinn erfüllen. Das mag eine einfache Sache sein, wenn man als Umweltschützer an einem ganz normalen Dienstagmorgen einen Wal rettet – oder als Hebamme ein gesundes Kind auf die Welt befördert. Als Sachbearbeiterin rettet man die Welt eher selten und verhilft der Welt auch nicht zu neuem Leben. Eigentlich verhilft man an einem guten Dienstagmorgen seiner Lieblingskollegin nur zu einem Kaffee. Ob das so fürs Leidenschafts-Karma reicht... Eher fraglich.

Dazu kommt, dass wir uns zunehmend über unseren Job definieren. Stehen wir auf einer Party herum, lautet eine der ersten Fragen oft: „Und was machst du so beruflich?“ Als ob es keine spannenderen Aspekte im Leben eines Menschen gäbe. Und blöd, wenn die Fragende als Designerin arbeitet, während man seinen eigenen Job nicht so superglamourös findet. Oder sich just mit Nachwuchs und Haushalt beschäftigt. Was antwortet man dann? „Mein Job ist nicht so aufregend“ oder „Ich bin Muttchen“? Wohl kaum. Kein Wunder, dass die Werbung, in der die Frau auf eben diese Frage „Ich führe ein kleines, aber erfolgreiches Familienunternehmen“ antwortete, ein solcher Erfolg war.

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