Modetrends

Trend Understatement ist der neue Luxus

Understatement

Stellen Sie sich vor, Sie lernen auf einer Party einen Mann kennen. Guter Typ, Dresscode: Jeans, dunkler Rolli, Sneakers. Sie unterhalten sich blendend, und nach ein paar Drinks begleitet der Kerl Sie nach Hause – auf einem einfachen Fahrrad. Kurze Zeit später haben Sie Geburtstag: Er legt sich ins Zeug und schenkt Ihnen einen schlichten Ring mit buntem Stein. So einen hatten Sie als kleines Mädchen schon mal – für 50 Pfennig aus dem Kaugummiautomaten. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder Sie haben sich einen Lebenskünstler geangelt, der seine Klamotten auf dem Flohmarkt kauft. Oder der Kerl ist Firmenboss und Millionenerbe.

Dann ist das Fahrrad ein handgemachtes Holzrahmen-Bike von Waldmeister, der Pulli (100 Prozent Kaschmir) von der italienischen Manufaktur Loro Piana, und der Ring hat so viel gekostet wie ein gebrauchter Kleinwagen. Teure Stücke im Mauerblümchen-Design, künstliche Patina – ein neuer Trend setzt sich durch. Sogar einen Namen hat er schon: „Stealth Wealth“, frei übersetzt etwa „Heimlichkeits-Wohlstand“, weil die neuen Statussymbole das Gegenteil von Bling-Bling sind – und ähnlich unsichtbar wie „Stealth Bomber“ (Tarnkappenbomber), die ihre Ladung einfach unter dem Radar des Gegners durchschmuggeln. Wobei es hier natürlich nicht um Krieg geht, sondern um subtile Codes. Eine Art Geheimschrift, die nur von Eingeweihten dechiffriert werden kann: Aha, einer von uns. So wie bei der Bottega-Veneta-Tasche, die völlig ohne Logo auskommt und nur an der besonderen Flechttechnik zu erkennen ist. Oder einer puristischen Modemarke wie Akris, die nicht zufällig das Lieblings-Label der aktuellen Fürstin von Monaco ist.

Protzen ist out!

Haben, aber nicht mehr so deutlich zeigen – ein Grund dafür ist die wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre. „Die wohlhabendsten ein bis zwei Prozent der Bevölkerung in den westlichen Ländern sind relativ unbeschadet durch die Finanz- und Wirtschaftskrise gekommen, die Mehrheit hat dagegen stark zu leiden, nicht nur an finanziellen Verlusten, sondern auch an Zukunftsunsicherheit. Wer es sich leisten kann, hütet sich vor offensivem Protzen“, erklärt Holm Friebe, Buch- und Zeitschriftenautor (u.a. für das „Trend-Update“ des Zukunftsinstituts), Geschäftsführer einer Agentur und Gastprofessor für Design an der Universität Kassel. Diamantbehängte und pelzgeschmückte Luxusweibchen kommen heute eher aus Ländern, die noch relativ frisch auf das Wohlstandskarussell aufgesprungen sind und ungehemmt dem Luxus frönen – und die traditionelle Oberschicht grenzt sich dagegen lieber ab. Friebe: „Wenn die reichen Russen in Kitzbühel mit ihren Gucci-Taschen wedeln, muss man eben auf andere Felder ausweichen.“ Und Kennerschaft neu definieren. „Mein Haus, mein Auto, meine Jacht“ war gestern, im Jahr 2013 hört sich das so an: „Meine rahmengenähten Schuhe, meine exklusiven Badezimmerfliesen, mein Fünf-Sterne-Outdoor-Equipment.“

Der Trend hat inzwischen auch die Mittelschicht erreicht: Brachte man vor zehn Jahren vom Thailand-Urlaub noch gerne eine It-Bag mit Fake-Logo oder eine Pseudo-Rolex zum Spottpreis mit, wirken solche Imitate heute einfach nur noch billig. Selbst wenn sie gut gemacht sind. „Stärker gefragt sind Labels, die Qualität mit gutem Konsumgewissen verbinden. Lieber gibt man mal ein paar Euro mehr aus für das Einzelstück aus der coolen Hinterhofwerkstatt, als immer wieder bei den großen Modeketten zu kaufen“, sagt Holm Friebe. Nachhaltigkeit, Handarbeit – solche Begriffe aus der grünen Mottenkiste bekommen plötzlich Sex-Appeal. Genauso wie mit allzu viel Glitzer und Klunker geizen wir seit einiger Zeit übrigens auch mit unseren Reizen. Die Mode der letzten paar Saisons – Men-Style-Mäntel, Schluppenblusen und 7/8-Röcke statt Mini und Knapp-Top – spricht ihre eigene Sprache. Auch unseren Luxuskörper samt Dekolleté, Poansatz und Oberschenkeln bekommen nur noch Eingeweihte zu sehen.

Luxus hört nicht bei der Mode auf

Kommen wir noch mal auf den leckeren Fahrradfahrer zu sprechen. Nehmen wir an, Sie haben sich noch öfter gesehen und schließlich zusammen Kartons gepackt. Der Kerl war damals doch kein Millionär und ist es noch immer nicht, hat aber mittlerweile einen ordentlich bezahlten Job. Weil Sie das auch haben, reicht das gemeinsame Geld für eine coole Wohnung zu zweit. Das könnte allerdings auch der Startschuss sein für den ersten großen Beziehungsknatsch. Exklusive Möbel und Küchengeräte sind neuerdings die Must-haves des Normalverdieners – auch das eine Facette des neuen Konsumtrends. „Selbst Gebrauchsgegenstände werden immer mehr mit Bedeutung aufgeladen“, sagt Holm Friebe. „Leute legen den Preis eines Kleinwagens für ein Bett hin oder verbringen Tage damit, auf den Websites von Traditions-Manufakturen den besten Wasserhahn für ihr Bad zu recherchieren.“ Das kann zu erbitterten Diskussionen führen: Tut’s noch Omas alter Rührfix in 70er-Jahre-Orange, oder brauchen wir dringend den handgefertigten Handquirl der Amish People aus dem Manufactum-Katalog? Less is more – auch wenn’s gelegentlich zehnmal so teuer ist. Wenn Sie sich bei solchen Fragen relativ schnell einig sind, dann herzlichen Glückwunsch: Das mit Ihnen beiden hat Zukunft. Und wenn der Fahrradfahrer Ihres Lebens Ihnen mal wieder einen Ring schenkt, diesmal in Mattgrau, dann reagieren Sie nicht enttäuscht, sondern lächeln wissend. Denn, so Friebe: „Beim Schmuck geht der Trend weg von Hochglanz und Gold und hin zum Silber-Look – wobei nie auf den ersten Blick klar ist, ob es nicht doch Platin ist.“ Aber falls Sie diesen Mann lieben, spielt das sowieso keine große Rolle.

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