Weihnachten

Talk About Weihnachten ohne Geschenke - geht das?

Paar mit Geschenken

Ach, Weihnachten, du und ich, wir könnten es so nett haben. Wenn sich alle einmal ordentlich an die Abmachungen halten würden. Aber irgendwie scheint die Adventszeit mit ihrem Glühwein, den ganzen Kerzen und „Last Christmas“ in Dauerschleife unser Gehirn lahmzulegen. Zumindest in meiner Familie ist das so. Im Oktober beschließen wir, uns dieses Jahr an Heiligabend nichts zu schenken („Aber wirklich nichts!“). Spätestens Anfang Dezember laufen alle los und kaufen doch zwei, drei Präsente, die sie unauffällig unter den Baum schieben („Weil, so ganz ohne ist ja auch doof“). Und, Überraschung, schon sieht es im Wohnzimmer wieder aus wie im Paketlager von Amazon. Meine Mutter steht dann fassungslos vor dem Geschenkeberg und sagt den Satz, der wahrscheinlich in Millionen von anderen Haushalten auch fällt: „Aber wir wollten uns doch nichts schenken.“

Statistik Petra

Ist Weihnachten nur noch Konsumterror?

Dabei stöhnen doch immer alle über den Konsumterror! Der Trend geht zur Rückbesinnung auf die wahren, nicht materiellen Werte. Wir müssen ja nicht gleich wieder die alte Blockflöte und die Triangel rausholen, aber reicht es nicht, die gemeinsame Zeit einfach zu genießen? Ohne umherfliegende Schleifen, zerknülltes Seidenpapier und „Wow, ein neuer Dampfkocher!“- Rufe. Wo bleibt denn da die Besinnlichkeit? Jede zehnte Teilnehmerin unserer PETRA-Umfrage sieht das genauso und möchte Geschenke abschaffen. Acht Prozent der Frauen sind schon einen Schritt weiter und schenken nichts. Und trotzdem: Für vier von fünf der Befragten gehören Geschenke einfach zum Fest. Wahrscheinlich sind das die Glücklichen, die einen Mann mit Antenne für ihre Wünsche haben. Die beim Schaufensterbummel nur mal kurz auf eine sündteure Kette schauen und, schwupps, bekommen sie die an Heiligabend um den Hals gelegt. Bei mir ist es so: Selbst wenn ich blinkende Leuchtpfeile rund um das Objekt meiner Begierde aufstellen würde, würde mein Mann die Hinweise nicht verstehen. Einmal wünschte ich mir zu Weihnachten einen „schönen Frauenfilm“ und legte mit einem lauten Räuspern den Prospekt mit der Doris-Day-DVD-Box auf den Küchentisch. Und was bekam ich geschenkt? „Lawrence von Arabien“, ein Wüsten-Epos, in dem nicht mal eine Frau mitspielt. Umgekehrt muss ich sagen, dass er meine selbst gestrickten Schals auch immer ganz nach hinten in den Kleiderschrank schiebt. Mal ehrlich, warum lassen wir es nicht bleiben? Kaufen uns selber die Dinge, die wir super finden und investieren den Rest des Geldes in eine Flasche Champagner?

Geschenke für Männer

Warum schenken wir uns eigentlich etwas?

"Das Schenken ist so alt wie die Menschheit“, sagt die Berliner Ärztin, Psychologin und Buchautorin Isabella Heuser. „Es wurde schon bei den Steinzeitmenschen betrieben und gehört zu unserer Kultur. “Na, kein Wunder, dass sich alle so schwertun mit der Ansage „Wir schenken uns nichts“ – das steckt anscheinend in unseren Genen. Aber was ist, wenn es dann doch zum peinlichen Supergau kommt: Ich kriege etwas, schenke aber selber nichts? „Dann sollte man sagen: ,Das war zwar nicht so verabredet gewesen, aber ich freue mich trotzdem darüber‘“, rät Heuser. Oder man macht es wie eine Freundin von mir, die immer ein universelles Notfall-Geschenk dabei hat, meistens ist es eine selbst kompilierte CD mit schrägen Weihnachtsliedern. Die trägt sie hübsch verpackt bis Silvester in ihrer Tasche herum – sicher ist sicher.

Statistik Petra

Wenn Geschenke enttäuschen

Die Frage aber bleibt: Wie reagiere ich auf Oh-no-Präsente wie die „Lawrence von Arabien“-DVD, das Kopfweh-Parfum von Tante Helga oder den beleuchtbaren Heilstein? „Kommt darauf an, wie nah man dem Schenkenden steht“, erklärt Heuser. „Meinem Partner würde ich sagen: ,Schatz, das ist ja ganz lieb von dir, aber das muss ich umtauschen.‘ Bei allen anderen würde ich mich einfach nur nett bedanken.“ Und dann schon mal den nächsten Flohmarkttermin im Kalender anstreichen (aber, Obacht, nicht den bei Tante Helga um die Ecke). Dabei haben die meisten überhaupt nichts zu meckern: 86 Prozent der von PETRA Befragten erklärten, dass sie zu Weihnachten noch nie enttäuscht worden sind. Und wenn, dann wegen eines falschen Geschenks (12 Prozent), aber nur selten, weil sie leer ausgegangen sind (2 Prozent).

Was schenken die Deutschen am meisten?

Aber was genau landet hierzulande eigentlich unter dem Tannenbaum? Wenn man den angesagten Do-it-yourself-Trend betrachtet, könnte man meinen, dass zu Weihnachten jede Menge selbst gemachte Marmelade oder mit Heißklebetpistole aufgepimpte Lampenschirme den Besitzer wechseln. Stimmt aber gar nicht: Aus einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) zum Schenkverhalten der Deutschen geht hervor, dass nur jeder Zehnte etwas Selbstgebasteltes verschenkt, bei Männern noch bedeutend weniger. Wenn die kreativ sein müssen, laufen sie anscheinend vor Panik direkt in die nächste Bank oder Douglas-Filiale. Die Top drei der Geschenke-Hitliste lautet nämlich: Bargeld, Bücher und Beauty-Produkte. Die Deutschen, auch das ein Ergebnis der GfK-Studie, kaufen ihre Geschenke am liebsten im Laden, wo sie etwas aussuchen können. Und da wird trotz Wirtschaftskrise nicht geknausert: 2012 betrug der Umsatz des Einzelhandels zu Weihnachten 80,4 Milliarden Euro.

Der wahre Grund des Schenkens

Wie wäre es mit dem Vorschlag: „Wir schenken uns nichts und fahren lieber zwei Wochen auf die Kanaren“? Klingt doch vernünftig. Doch genau da liegt das Problem. Mit Vernunft kommt man gegen dieses Weihnachten nicht an. Es ist nun mal das „Es wird alles so gemacht wie immer!“-Fest: Wie immer gibt es Kartoffelsalat und Wiener Würstchen an Heiligabend, wie immer steht der Baum schief und wie immer kotzt irgendwann der Hund, weil ihn die Kinder heimlich mit Weinbrandpralinen gefüttert haben. Abweichungen vom traditionellen Ablauf sind da nicht erwünscht. Also werden wir uns auch dieses Jahr wieder durch überhitzte Kaufhäuser drängeln, schöne Dinge besorgen und mit Namensschildchen versehen. „Schenken ist ein soziales Signal von hoher Wichtigkeit“, betont auch Isabella Heuser, „weil man damit sagt: ,Du bedeutest mir etwas.‘“ Darum habe ich auch schon wieder die Stricknadeln herausgeholt. Dieses Mal schenke ich meinem Mann einen Schal in den Farben seines Fußballvereins. Den muss er einfach lieben! Oder er landet im Schrank. Wie immer.

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Schlagworte
Geschenke | Kultur | Talk About | Weihnachten
Autor
Iris Soltau