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Talb About Was kostet ein gutes Leben?

Frau mit Geld

Als ich vor vier Jahren mit meinem Freund zusammenzog, führte ich eine unumstößliche Hausregel ein. Hinter den Teedosen in der Küche, dort wo die Handyrechnungen und Abholzettel von der Reinigung klemmen, sollte immer ein Ausdruck mit einer Reisebuchung liegen. Die Bestätigung eines Hotels. Oder ein Flugticket, das uns zu unserem Lieblingsstrandlokal auf Sardinien bringen würde, in eine Safari-Lodge nach Namibia oder in dieses kleine Boutique-Hotel in Budapest, von dem gerade alle schwärmen. Ein Glücksversprechen, das sofort erneuert werden muss, wenn wir von einer Reise zurückkommen. Komplett unvernünftig, einen Großteil seines Gehalts für etwas auf den Kopf zu hauen, das keinen bleibenden, materiellen Wert hat, würde jeder Anlageberater sagen. Aber: Glücksexperten bewerten positive Erfahrungen höher als Dinge – und das macht sogar einen überteuerten Australien- Flug zu einer sinnvollen Investition.

was kostet ein gutes leben?

Nach einer PETRA-Umfrage würden 40 Prozent der Frauen zwischen 20 und 40 noch öfter verreisen, wenn ihnen mehr Geld zur Verfügung stünde. Einfach weil zehn Paar neue Schuhe uns nicht so erfüllen wie der Moment, in dem wir barfuß über den Strand laufen oder Wale in freier Natur sehen.

Geld allein reicht nicht

Ganz klar: Finanzielle Sicherheit ist nur ein Teil des großen Glückspuzzles. Ein Element, das erst zusammen mit Freundschaften, Gesundheit, einer spannenden Aufgabe und einer positiven Einstellung Zufriedenheit bringen kann. Wer die Wochenenden allein vorm Fernseher verbringt, weil er vor lauter Arbeit vergessen hat, sich bei seinen Freundinnen zu melden, oder den ganzen Tag mit einem spitzenmäßig bezahlten Job verbringt, der so viel Spaß macht wie ein Termin bei der Zahnreinigung, wird trotz eines vollen Kontos nie zufrieden werden. Aber ein gewisses Polster hat dennoch Einfluss aufs Wohlbefinden. Nicht weil man sich immer das neueste iPhone leisten kann, sondern weil es uns ein Gefühl von Freiheit gibt, von Anerkennung und Selbstbestimmung. Natürlich dürfen wir uns auch mit schönen Dingen belohnen. Nur freuen wir uns besonders über ein Kaviar-Gauche-Kleid, wenn wir uns nicht jede Woche eins leisten können. „Der Lebensstandard funktioniert ein bisschen wie Alkohol und Drogen“, erklärt Wirtschaftswissenschaftler Richard Layard diesen Effekt. „Wenn ich eine angenehme neue Erfahrung gemacht habe, brauche ich immer mehr davon, um weiter hin das gleiche Glück zu empfinden.“ Sprich: Je mehr man hat, desto höher werden die Ansprüche. Selbst wenn wir es schaffen, Geld „Glück bringend auszugeben“, wie Karlheinz Ruckriegel, Professor für Volkswirtschaft und Glücksforscher an der Technischen Hochschule Nürnberg, es nennt – also für besondere Erlebnis se und damit für viele positive Erinnerungen auf unserem Wohlfühlkonto –, können wir unsere Zufriedenheit mit einem dicken Portemonnaie nicht endlos steigern.

Wann stoppt das Glücksgefühl?

Experten haben herausgefunden, dass man ab einem Jahresnettoeinkommen von 60 000 Euro pro Haushalt nicht mehr signifikant glücklicher wird. Wobei man nicht vergessen darf, dass 5000 Euro im Monat eine Menge sind – mehr als sehr vielen von uns zur Verfügung steht. Aber erst dann scheint sich das beruhigende Gefühl von Sicherheit einzustellen, das 59 Prozent der Frauen laut PETRA-Umfrage besonders wichtig ist. Weil es zum Beispiel bedeutet, sich keine Sorgen um die Ausbildung der Kinder machen zu müssen, genug für die Altersvorsorge zurücklegen zu können, sich vielleicht irgendwann ein Eigenheim zu leisten.

Geld regiert die Liebeswelt

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Wohl deswegen geht’s in der Liebe nicht nur um flammende Leidenschaft, sondern auch um Zahlen. Nach der Umfrage „Geschlecht und Finanzen“ von TNS Emnid ist 42 Prozent der Frauen das Gehalt des Mannes bei der Partnerwahl wichtig, 18 Prozent wünschen sich sogar, dass er mehr verdient als sie selbst. Geld macht Männer attraktiv. Die wiederum sehen es eher als Angriff auf ihr Ego, wenn die Frau mehr nach Hause bringt als sie. Was uns natürlich in keiner Weise davon abhalten darf, regelmäßig nach einer Gehaltserhöhung zu fragen. Überhaupt müssten sich doch beide Seiten freuen – zumindest wenn man einer Studie von eDarling Glauben schenkt, nach der ein sattes Plus auf dem Konto die Libido steigert – was Psychologen übrigens mit einem Push fürs Selbstbewusstsein erklären.

„Man gewöhnt sich schnell daran, mehr zu haben“

Apropos Lust: Der Effekt von Geld aufs Glücksempfinden lässt sich gut mit dem Heißhunger auf die Lieblingsschokolade vergleichen. Besonders kurz vor der Unterzuckerung ist das erste Stück eine Offenbarung, auch das vierte macht noch ziemlich gute Laune, aber ob wir uns das zehnte auch noch reinschieben, ist fast schon egal. „Man gewöhnt sich sehr schnell daran, mehr zu haben“, so Glücksforscher Ruckriegel. „Wenn alle Grundbedürfnisse befriedigt sind, hat Geld kaum mehr einen Einfluss auf das Wohlbefinden.“ Darum laufen auch Millionäre nicht den ganzen Tag mit einem seligen Strahlen durch die Welt.

Reichtum ist für sie Normalität und der Kauf einer Megayacht mit Jacuzzi und Heli-Landeplatz in etwa so bedeutsam wie für uns die Anschaffung eines neuen Hollandrads. Selbst bei Lotto-Gewinnern tritt nach dem großen Freudentaumel schnell Ernüchterung ein. Oder so gar der Absturz. Weil in der anfänglichen Euphorie vielleicht der Job gekündigt wurde, damit jedoch soziale Kontakte und Anerkennung weggebrochen sind, ohne die sich das Leben plötzlich ganz schön leer anfühlt.

Frauen zählt nicht nur Geld

Wie viel ein Mensch zum Glücklichsein braucht, hängt aber auch von seiner Prägung ab. Davon, ob er im Mehrfamilienhaus aufgewachsen ist oder in der Gründerzeitvilla. Davon, ob es ihm gelingt, sich durch das finanzielle Polster Freiräume zu schaffen, oder dafür den Preis bezahlt, selbst im Urlaub für Telefonkonferenzen von der Massageliege geholt zu werden. Und: Auch das Geschlecht hat etwas damit zu tun. Wirtschaftswissenschaftler Andrew Clark, der untersucht, wie sich der Job auf die weibliche Zufriedenheit auswirkt, hat herausgefunden: „Wichtiger als die konkrete Zahl am Monatsende ist Frauen, dass der Job sie erfüllt.“ Vor allem Berufe, bei denen sie etwas für die Gesellschaft tun oder anderen helfen können, machen Frauen glücklich. Sie verbinden Geld weniger mit Macht und Ansehen als Männer. „Soziale Beziehungen haben für Frauen einen höheren Stellenwert“, so Ruckriegel. „Und Menschen, denen Zwischenmenschliches am wichtigsten ist, fühlen sich grundsätzlich zufriedener als jene, für die Geld und Status die höchste Priorität haben.“

Wir vergleichen uns dauernd

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In einem Dilemma stecken wir trotzdem alle – obwohl wir es besser wissen und jede Yogalehrerin es predigt: „Vergleiche dich nicht mit anderen, bleib ganz bei dir.“ Mal ehrlich, wer schielt denn nicht schon vor Ende des Satzes wieder neidvoll auf die perfekte Kobra-Pose der Nachbarin? Wir vergleichen uns dauernd. Leider. Denn genau wie wir uns nach einer Facebook-Exkursion manchmal am liebsten unter unserem Federbett vergraben würde, weil wir denken, alle hätten ein viel aufregenderes Leben als wir selbst, tun uns auch Gehaltswettkämpfe gar nicht gut. Studien belegen: Je weniger man im Vergleich zu seinen Freunden hat, desto unzufriedener wird man. Man fühlt sich schnell unfair behandelt und nicht genügend wertgeschätzt. Wenn es sich keiner leisten kann, im Sternelokal zu tafeln, kratzt es einen natürlich weniger, als wenn man als Einzige absagen muss, weil es sonst am Monatsende knapp wird. Kein Wunder also, dass die Leute laut „World Happiness Report“ dort am besten drauf sind, wo das soziale Gefälle am kleinsten ist: in Skandinavien. Vielleicht sollte man da mal hinfahren. So ein sechswöchiger Sommerurlaub in einer rot bepinselten Holzhütte an Schwedens Schärenküste würde auf dem Wohlfühlkonto doch sicher richtig Zinsen bringen.

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