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Beziehung Das neue Treueverständnis

Wir zwei für immer – gilt das noch? Schon, wenn es nur nicht so schwer wäre. Aber müssen wir gleich alles hinschmeißen, bloß weil einer mal fremdgeknutscht hat?
Fremdgehen
   

Glaub mir, es hatte nichts mit dir zu tun.“ Ein Satz nur – schon strauchelt die Liebe und stürzt wie ein Boxer beim Knock-out. Weil’s dumm gelaufen ist. Und irgend so eine „Ich-bin-doch-noch-sexy-Affäre“ oder blöder noch, ein „Es-war-die-Stimmung-Ausrutscher“ dazwischenkam. Passiert! Da sitzen wir nun, beichten – und heulen. Weil wir lieben und diese Liebe bleiben soll wie sie immer war. Schade nur, dass wir diese Chance in der Sekunde vertun, in der wir den Mund aufmachen. So viel zu unserer Entschuldigung: Wer wie wir mit „...sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage" groß geworden ist, glaubt an die Liebe, glaubt an die Treue und will loyal und ehrlich sein. Wir hatten bislang nicht die Chance auf ein Beziehungsideal, das den Anforderungen 2.0 wirklich noch gewachsen wäre. Weil treu sein schwierig geworden ist in Zeiten von Seitensprungportalen, Handys oder Geschäftsreisen, die länger als sieben Stunden dauern.

In unserem Liebesleben lief die Sache doch bislang so: Wir sprachen es zwar nie explizit aus, wenn wir uns verliebten. Aber irgendwie waren wir uns stillschweigend einig: Wir wollten uns treu sein. Spätestens nach ein, zwei gemeinsamen Jahren fing die Realität uns ein. All die anderen da draußen waren nicht mehr länger eine farblose Masse. Man sah sie wieder: den Kollegen, der neulich mal so ein nettes Kompliment gemacht hat. Oder den Typen im Sportstudio mit dem nicht zu verachtenden Sixpack. Drei von vier Frauen waren bereits in einer festen Beziehung untreu. Warum? Weil die Gelegenheiten zunehmen und die Ausdauer ab. Seite an Seite durch ein Tal zu gehen – müssen wir uns das noch geben? Mies drauf sein? Mit jemandem leiden? Etwas aushalten? Da winkt eine neue nette Versuchung, und wir lassen uns drauf ein.

Gerade wir, die modernen, erwachsenen, selbstbestimmten Frauen. Und dann folgt meist der Katzenjammer und das bittermiese Gewissen. „Und dieses schlechte Gewissen haben wir vor allem wegen der furchtbaren Angst, erwischt zu werden und dadurch die Partnerschaft zu riskieren“, sagt Diplompsychologin und Paarberaterin Lisa Fischbach („Treue ist auch keine Lösung“, Pendo, 17,99 Euro). „Das will aber kaum einer, es geht mehr um die Lust auf Fremdes neben dem Bedürfnis nach Sicherheit.“ Wenn wir mit Sicherheit wüssten, dass nichts herauskommen kann, würden wahrscheinlich noch viel mehr Menschen fremdgehen und noch weniger nach dem Gewissen fragen.

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Schlagworte
Fremdgehen | Liebe | Partnerschaft | Sex | Treue