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Talk About Bis zum Hals im Dispo - na und?

Während unsere Mütter brav Haushaltsbücher führten, nehmen wir es nicht mehr so genau mit dem Kreditlimit: Wir gönnen uns schöne Dinge, zur Not auch auf Pump. Wofür wir bereit sind, Schulden zu machen – und in welche Fallen wir dabei gerne tappen.
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Eins steht fest: Hätte Kollegin W. diesen Text geschrieben, würde er ganz anders klingen. W. hat noch nie ihr Girokonto überzogen, allein beim Gedanken daran stellen sich ihr die Nackenhaare auf. Es wäre sicher ein sehr vernünftiger Text geworden. Nun liegt der Auftrag auf meinem Schreibtisch. Und während ich versuche, ein paar Fakten zu recherchieren, poppen immer wieder diese hübschen Sneakers auf dem Computerbildschirm auf. Die habe ich mir irgendwann mal im Netz angeguckt, seitdem folgt mir der Onlineshop selbst auf seriöse Nachrichtenseiten, blinkt und ruft: „Nun kauf sie endlich!“ Das ist wirklich hinterhältig und gemein – und, was soll’s, ich kauf sie jetzt. Obwohl ziemlich viel Monat übrig ist und die Autoversicherung auch noch bezahlt werden muss. Leben am Rand des Dispos? Willkommen in meiner Welt.

Aber dort bin ich anscheinend nicht alleine: Unsere aktuelle PETRA-Umfrage besagt, dass 83 Prozent der befragten Frauen kein Problem damit haben, ihr Konto zu überziehen. Und 41 Prozent gehen dabei sogar über 1000 Euro und mehr hinaus. Moment mal, wir befinden uns mitten in einer Wirtschaftskrise, sollten wir da nicht besser sparen? Oder ist dieser Kaufrausch eine Trotzreaktion auf unsere Regierung, die so fleißig Hilfspakete für andere Länder schnürt? Nach dem Motto: Wer weiß schon, was morgen mit unserem Geld sein wird? Lasst uns lieber jetzt ein bisschen Spaß haben. Wenn ich allerdings sehe, wie viel Kreditzinsen ich meiner Bank in den Rachen werfe, hört der Spaß auf, und das schlechte Gewissen meldet sich. Zumindest so lange, bis ich an der nächsten Boutique mit „Sale“-Schild vorbeimarschiere. Warum nur ist es so schwierig, in Sachen Geld die richtige Balance zu finden? Laut einer Schufa-Studie ist die Zahl der Frauen, die Konsumkredite aufnehmen, in den letzten Jahren gewaltig gestiegen. Was daran liegt, dass immer mehr Frauen berufstätig sind. Zwar arbeiteten wir schon immer, doch die Entwicklung der weiblichen Kaufkraft (bedeutet: Frau gibt ihr selbst verdientes Geld für persönliche Wünsche aus) nimmt mit rasanter Geschwindigkeit zu. Und darauf stellen sich auch die Konzerne ein, die ihre Werbung viel mehr auf Frauen zuschneiden und „gefühliger“ gestalten. Oder glauben Sie, dass irgendein Kerl wegen George Clooney eine Kaffeemaschine kauft?

Warum shoppen wir so viel?

Wir Frauen sind also ständigen Shopping-Gefahren ausgesetzt. Wobei mir persönlich schon eine Verkäuferin reicht, die mit mittlerer Begeisterung „Diese Hose steht dir super!“ sagt, während sie nebenbei ihre Nägel feilt. Echt? Ja! Dann nehm ich sie mit! Das Problem ist nämlich: Ich will Geld ausgeben. Vor allem nach einer anstrengenden Arbeitswoche möchte ich eine Tüte mit einem schönen Produkt nach Hause tragen – das im besten Fall noch in feines Seidenpapier eingeschlagen ist. Man nennt es wohl den „Ich muss mich jetzt belohnen!“-Faktor. "Wenn Frauen etwas kaufen, werden Endorphine ausgeschüttet“, erklärt die Berliner Diplom-Psychologin Sandra Jankowski. „Genau wie bei psychisch kranken Menschen. Dieses Gefühl macht süchtig. Das sind kleinere Triebe, die wenig überschaubar sind und deshalb so eine große Gefahr darstellen. Männer empfinden das auch so, aber die kaufen sich eher ein Auto.“ Im schlimmsten Fall schiebt die Frau dann ihren zwanzigsten hellgrauen Kaschmirpulli unausgepackt mit Preisschild in den Kleiderschrank. Was nicht so auffällt wie ein nigelnagelneuer Sportwagen vor der Tür.

Aber Shopping soll uns nicht nur zu einem besseren Gefühl, sondern auch zu einem schöneren Leben verhelfen. „Kauft sich eine Frau ein bestimmtes Designerkleid, fühlt sie sich individueller und hipper“, erklärt Prof. Dr. Wolfgang Ullrich, Autor des Buchs „Alles nur Konsum – Kritik der warenästhetischen Erziehung“. „Denn sobald wir unser eigenes Milieu überschreiten und uns ausprobieren können, empfinden wir ein kleines Freiheitsgefühl. Wir sind dann in einer anderen Welt.“ Nie wurde uns das Nachstylen einfacher gemacht als heute, wo es im Internet haufenweise Fotos von Stars in coolen Outfits gibt – ein Doppelklick auf die Must-have-Sonnenbrille von Alexa Chung, schon ist sie auf dem Weg zu uns.

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Schlagworte
Charakter | Finanzen | Lifestyle | Psychologie | Talk About
Autor
Iris Soltau