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Promis Shitstorm - Warum wir unsere Stars mobben

Stars werden gemobbt

Blicken wir zurück in die 50er-Jahre: Wenn das damalige It-Girl Conny Froboess mit Teenie-Schwarm Peter Kraus zum Italiener ging, konnten sie in aller Ruhe essen. Irgendwann tauchte vielleicht ein schüchterner Fan auf, wartete brav bis zum Espresso, und legte dann sein Poesiealbum auf den Tisch von Conny und Peter. Wenn er mutig war, fügte er hinzu: "Und ein Autogramm für die Mutti wäre auch schön!"  Und heute? Würde sicher jemand "Ey, guck ma, Conny und Peter!" brüllen, seine Handykamera zücken und hemmungslos draufhalten, ganz egal, ob bei Peter noch eine Spaghetti im Mundwinkel hängt oder Conny vor Schreck ihr Rotweinglas umgeworfen hat. Die Bilder würden in null Komma nichts im Netz stehen und ungefähr so kommentiert werden: "Dann sind die zwei einfach durch die Hintertür abgehauen, ohne uns Fans 'Hallo' zu sagen. Voll arrogant!" – "Typisch. Die letzten Filme waren sowieso scheiße." Das Bild von Conny würde auf einem Modeblog landen mit der Bildunterschrift: "Caterina Valente stand das Kleid viel besser." Und dann hätte sich vielleicht noch Boris Becker via Twitter gemeldet: "@ConnyundPeter: Seid Ihr jetzt doch zusammen? LOL."

Wie gehen Stars mit den Beschimpfungen um?

In unserem digitalen Zeitalter ist es echt nervig, ein Star zu sein. Privatsphäre? Ja, aber nur, wenn man sein Wohnzimmer nicht verlässt. Einen schlechten Tag gehabt, irgendetwas Blödes gesagt? Schon lästert die gesamte Netzwelt darüber. Und manchmal fallen dabei so krasse Beleidigungen, dass man sich fragt: Wie geht eigentlich so ein Promi damit um? Muss man nicht Angst haben, dass er heulend vom nächsten Hausdach springt? Katja Riemann hat nach ihrem missglückten Talkshow-Auftritt im März das Gästebuch ihrer Homepage sowie ihren Facebook-Account gesperrt – dort waren in 48 Stunden 15.000 Beschimpfungen der übelsten Art aufgelaufen. Auch Fußballer Mario Götze, der durch seinen geplanten Vereinswechsel zum Hassobjekt enttäuschter Fans wurde, löschte alle Kommentare. Völlig unvorbereitet traf der Shitstorm die US-Sportler Tiger Woods und Lindsay Vonn. Nachdem sie auf ihren Websites verkündet hatten, ein Paar zu sein, zogen unzählige User in menschenverachtender und teils rassistischer Weise über die beiden her: Woods wurde als "Porno-Star" verunglimpft. Vonn dagegen sei eine "weiße Hure" und naiv, weil sie sich mit einem Ehebrecher einlasse.

Haben uns die neuen Medien gehässiger gemacht?

An Stars tobt sich die Masse aus – und das ist nicht nur ein Phänomen des Internets. Manchmal bleibt es bei Drohungen auf irgendwelchen Facebook-Seiten, manchmal brennt, wie im Fall von Til Schweiger, ein Auto. Was sagt das eigentlich über unsere Gesellschaft aus – haben uns die neuen Medien gehässiger gemacht? "Im Schutze der Online-Anonymität kann man wunderbar vom Leder ziehen", erklärt die Medienforscherin Dr. Katja Friedrich von der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Da wird es schnell persönlich, weil man sich für seine Äußerungen ja nicht rechtfertigen muss." Das Phänomen sei aus der Psychologie bekannt: "Es gibt Studien, die belegen, dass sich Autofahrer mit verdunkelten Scheiben aggressiver verhalten als andere." Aha: Wenn uns also niemand erkennt, sind wir wieder ganz gern Steinzeitmensch. "Aber", beruhigt Friedrich, "wir sind nicht fieser geworden. Klatsch und Tratsch gab es schon immer, durch den Medienwandel haben sich nur neue Möglichkeiten aufgetan." Ein Klick – und eine Meldung oder ein Kommentar ist gepostet. Wer nimmt sich schon die Zeit, die Fakten zu prüfen? In der Hitze des Gefechts werden Formulierungen in die Tasten gehämmert, für die man sich am nächsten Tag vielleicht schämt. Aber dann marschiert der Satz bereits durchs Netz, wird geteilt und kommentiert.

Die Promis teilen auch aus

Wobei die Promis beim Online-Bashing selbst gern mitmischen. Beispiele? "Bei dieser Schlampe muss ich kotzen", twitterte Rihanna über Nicole Richie (und löschte den Tweet schnell wieder). "Eine Trennung ist hart. Aber die Penisse anderer Männer auch", kommentierte Lilly Becker das Ehe-Aus von Oliver und Alessandra Pocher (und entschuldigte sich gleich darauf). Peyman Amin lästerte über seine Ex-Chefin Heidi Klum bei den MTV European Music Awards: "Was ist das: eine Veranstaltung, bei der ein Zombie mit Burn-out-Syndrom nicht einmal durch den ständigen Wechsel der geschmacklosen Garderobe für Aufmunterung sorgen kann?" Dabei sollen Stars doch glitzern und funkeln, damit wir zu ihnen aufblicken.

Warum sind gerade wir Deutschen so kritisch?

Aber gerade wir Deutschen kriegen das irgendwie nicht hin. Oder warum machen sich immer alle über Til Schweiger lustig? Okay, er nuschelt, aber dafür hat er quasi im Alleingang das deutsche Kino gerettet. "In Deutschland gibt es eine starke Promi-Skepsis, die kulturell verwurzelt ist", so Katja Friedrich. "Promis haben hier nicht die Vorbildfunktion wie in den USA, wo die Stars den amerikanischen Traum verkörpern." Die Medien-Fachfrau rät Künstlern, in professionelle Öffentlichkeitsarbeit zu investieren. Was ja fast ein bisschen schade wäre, denn es sind ja die peinlichen Ausrutscher, die die Stars sympathisch machen. Sich darüber in Online-Foren aufzuregen, sollte aber für niemanden ein Ventil sein, um Dampf abzulassen. Wir plädieren für das 50er-Jahre-Modell: den Kneipenstammtisch, wo man mit Freunden lachen und lästern kann. Null Shitstorm – höchstens ein wenig Kopfschmerzen am nächsten Tag.

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Schlagworte
Internet | Lifestyle | Multimedia | Stars
Autor
Iris Soltau