Reisetipps

Reisetipp Eine Stadt im Rausch: Beirut

Hier enden Partys erst, wenn die Sonne hinter den Moscheen und Kirchen aufgeht. PETRA-Autorin Aileen Tiedemann war im "Paris des Nahen Ostens", um die Frauen über das besondere Lebensgefühl in der libanesischen Hauptstadt zu sprechen.
Blick über die Stadt
    

„Wir Libanesen wollen das teuerste Auto fahren, perfekt aussehen und bis zum Morgengrauen tanzen“, sagt Lara Chekerdjian. Die 40-jährige Filmproduzentin steht auf dem Balkon ihrer Filmproduktion Ginger Beirut und blickt auf ihre Stadt am Meer, die eilig nach dem Ende des Bürgerkrieges 1990 wieder aufgebaut wurde. Graue Hochhäuser und Kriegsruinen prägen das Bild, aber auch Gebäude, die für den Neuanfang stehen: Prachtbauten im osmanischen Stil, gläserne Bürotürme, restaurierte Kirchen und Moscheen. Dann setzt sie hinzu: „Das liegt daran, dass wir aus dem Leben so viel wie möglich herausholen wollen.“

Die Hauptstadt des Libanon in endloser Party-Laune

Essen im Hotel LeVendome

Orientalische Köstlichkeiten mit Meerblick im Hotel LeVendome 

 

Der Hunger nach Leben ist überall in der Stadt zu spüren. In den Beachclubs an der Uferpromenade wird tagsüber zu lauter Housemusik getanzt, die vielen Nachtclubs auf Dachterrassen haben bis zum Sonnenaufgang geöffnet, und die Autofahrer kennen weder Ampeln noch Geschwindigkeitsbegrenzungen. Als wir eine halbe Stunde später losmarschieren und eine mehrspurige Straße überqueren wollen, müssen wir den gesamten Verkehr mit der Hand anhalten. Heil auf der anderen Seite angekommen, gelangen wir ins Saifi Village, eine Wohngegend mit Kopfsteinpflaster und Häusern im Stil der einstigen Kolonialmacht Frankreich. Dort befindet sich Laras Lieblingsgalerie Nada Debs, in der ihre Freundin Céline Chidiac japanisch-orientalisch inspirierte Möbel verkauft. Abends arbeitet Céline als DJane in den angesagtesten Clubs der Stadt und sieht aus wie jemand, den man so in London oder Berlin antreffen könnte. Verschleierte Frauen trifft man in Beirut zwar auch, aber Shorts und kurze Kleider werden ebenso akzeptiert. Es ist eine Offenheit, die Lara an ihre Heimatstadt glauben lässt. Ganz bewusst ist sie als Christin mit ihrer Familie in eine muslimische Gegend der Stadt gezogen. „Erst hatte ich Bedenken“, gibt sie zu. „Aber heute fühle ich mich absolut sicher. Aus der Distanz erscheinen die Dinge oft gefährlicher als sie in Wirklichkeit sind.“ Dieser Meinung scheint auch der amerikanische Popstar Wyclef Jean zu sein. Am Abend gibt er ein Überraschungskonzert in der Skybar, einem Club auf einem Häuserdach am Meer. „Meine Freunde haben mich gewarnt. Fahr nicht in den Libanon, dort wirst du erschossen“, ruft er der tanzenden Menge zu. „Aber ich hab gesagt: Ihr habt keine Ahnung. Ich fahre hin und feiere dort die Party meines Lebens!“ Danach gibt es kein Halten mehr. Frauen in Kleidern mit tiefen Rückenausschnitten recken ihre manikürten Hände in die Luft, Männern kleben die engen Hemden am Körper. Nach dem Konzert zwischen Feuerwerkskörper in den Nachthimmel. Als der DJ schließlich „Losing My Religion“ von R.E.M. spielt – und beim Refrain die Lautsstärke herunterdreht, singen alle mit. Ein verschwitzter Partybesucher neben mir ruft mir zu: „Dieser Ausnahmezustand ist ganz normal für Beirut. Wir feiern, als gäbe es kein Morgen!“

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