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Reisetipp Paris: Stadt der Liebe

Einst galt sie als Schmuddelecke der Hauptstadt, inzwischen hat sich die Gegend zwischen Pigalle und Montmartre zum In-Viertel gemausert. PETRA-Autorin Silke Bender besuchte ihr altes Quartier.
Paris
  

Wie Paris einmal war...

Er hieß Carolin. Platinblond, baumhoch, ein „leichtes Mädchen“ mit schwerer Bassstimme. Tag und Nacht stand er, also sie, vor meiner Haustür in der Rue des Martyrs 79 b, zusammen mit anderen transsexuellen Kolleginnen, die oft lautstark um Freier zankten und sich dabei ihre Handtaschen um die Ohren schlugen. Blaulicht besuchte Rotlicht. Die Straße zwischen Pigalle und Montmartre war keine gute Adresse. Doch die Mieten waren bezahlbar, und so kam es, dass ich als Erasmus-Studentin Mitte der 90er-Jahre Carolins Nachbarin wurde und mich in das Viertel verliebte.

Carolin wurde so etwas wie meine Türsteherin, Postannahmestelle und Beschützerin. Verfolgten mich zwielichtige Typen, klimperte sie einmal düster mit ihren künstlichen Wimpern – schon herrschte Ruhe. Nur einmal beging sie einen Fauxpas: Als meine Eltern aus Ostwestfalen anreisten, um ihre Tochter in der großen, fremden Stadt zu besuchen, kniff sie meinem Vater beherzt in den Po und bot hm ihre Dienste an. Allerdings entschuldigte sie sich hinterher bei meinen schockierten Eltern mit vielen Bisous. Heute würde meine Mutter verzückt in die Hände klatschen, so proper und schick hat sich die Straße herausgeputzt.

...wie Paris heute ist

Nur würde ich hier heute keine Wohnung mehr finden, geschweige denn bezahlen können. 36 Quadratmeter kosten ab 1200 Euro aufwärts, selbst Fünf(!)-Quadratmeter-Studios im 7. Stock ohne Lift finden für 65.000 Euro Kaufpreis Abnehmer. Wo sich einst Sexshops und Import-Export-Läden aneinanderreihten, schossen Designerboutiquen, Bio-Feinkost und angesagte Cafés wie Pilze aus dem Boden. Vor den frisch in Bonbonfarben gestrichenen Fassaden flanieren keine Bordsteinschwalben mehr, sondern Bobos, wie die Bourgeois-Bohemiens von den Parisern genannt werden: die bürgerliche Boheme, die irgendwas mit Medien oder Design macht, im Retrostil wohnt, sich design- bewusst kleidet und ein bis zwei Kinder zeugt.

Ja, die Bobos wissen eben, wo es schön ist. Denn nirgendwo ist Paris dörflicher und romantischer als hier. Kein Wunder, schließlich gehörte der 130 Meter hohe Berg Montmartre lange Zeit nicht zu Paris. Erst 1860 wurde das Dorf von der französischen Hauptstadt als 18. Arrondissement eingemeindet. Während zur selben Zeit überall im Zentrum die Abrissbirnen pendelten und der Stadtplaner Baron Haussmann der Stadt ihr heutiges Gesicht gab, blieb Montmartre weitgehend verschont.

Bis heute geblieben sind die verwunschenen Gassen, lauschige Plätze und kleine, von Gärten gesäumte Häuser. Von den insgesamt 14 Windmühlen, mit denen früher das Korn gemahlen wurde, stehen allerdings nur noch zwei – als Touristenattraktion. Wandert man die steilen Treppen zum Wahrzeichen hoch, der Basilika Sacré-Cœur, deren drei weiße Kuppeln wie Sahnehauben auf einer Torte thronen, begegnet man auf Schritt und Tritt alter und neuer Kunstgeschichte: Die „Je t’aime“-Mauer an der Place des Abbesses, wo die berühmten Wörter in 300 Sprachen verewigt sind, ist zum Wallfahrtsort für Verliebte geworden.

Weiter über die Rue Lepic kommt man am Wohnhaus Van Goghs vorbei, am Atelier vom Pigalle-Maler Toulouse-Lautrec und am Bateau-La- voir, wo Picasso lebte und malte. Und immer wieder trifft man auf kleine, intime Café-Terrassen mit wunderschönem Blick auf Paris. Ich bin mit Designerin Ingrid verabredet, die vor einem Jahr ihren Laden „Killygrind“ für Retromode eröffnete. Sie bringt Marie mit, die als Dessous-Stylistin arbeitet und in ihrem „Boudoir de Marie“ erotische 40er-Jahre-Pin-up-Träume wahr werden lässt – bis Kleidergröße 46. Ingrid und Marie sehen mit ihren pechschwarzen Ponyfrisuren, den Tattoos, den Pünktchen-Petticoats und ihren kleinen Hündchen wie eine Kreuzung aus Dita Von Teese und Amy Winehouse aus. Bei einem Bio-Smoothie aus dem Deli „Milk“ rätseln wir, was eigentlich zu dem Hype dieser Gegend führte.

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