Kultur

Eurovision Song Contest Wir sind Lena

Sie war die Favoritin und hat gewonnen! Doch eigentlich wäre es völlig egal gewesen, auf welchem Platz Lena Meyer-Landrut beim 55. Eurovision Song Contest am 29. Mai in Oslo geandet wäre. Gewonnen hatte sie schon vorher! Nicht nur, weil sie es mit drei Liedern gleichzeitig unter die Top Five der Deutschen Single-Charts schaffte, was vor ihr noch niemandem gelungen ist, nicht einmal den Beatles. Auch nicht, weil im Januar noch kein Mensch die 19-jährige Abiturientin aus Hannover kannte und sie im März bereits mehr als fünf Millionen Einträge bei Google hatte und mehr als 75.000 Fans bei Facebook. Nein, sie ist unsere Heldin, weil sie uns den Glauben daran zurückgibt, dass man nicht zwingend so sein muss wie Giulia, Gülcan oder Gina-Lisa, wenn man berühmt werden will. Jahrelang mussten wir annehmen, die Welt bestehe nur noch aus komplett schmerzbefreiten Selbstdarstellerinnen, die einzig und allein dafür bekannt sind, bekannt sein zu wollen. Die sich im Dschungelcamp zum Affen machen oder im „Playboy“ zum Häschen.  

Doch so langsam, aber sicher werden sie von einer neuen Generation von Frauen verdrängt: Und die sind klug und dabei trotzdem höchst unterhaltsam, selbstbewusst und trotzdem charmant. Sie brauchen keine falschen Wimpern und keine falschen Brüste, sie sehen sogar ungeschminkt noch verdammt gut aus. Sie wissen genau, was sie wollen und vor allem, was sie nicht wollen, nämlich: nicht jeden Blödsinn mitmachen, sobald eine Kamera auf sie gerichtet ist. Den Anfang machten die Moderatorinnen Sarah Kuttner und Charlotte Roche, die Schauspielerinnen und Ex-Moderatorinnen Jessica Schwarz und Nora Tschirner, die Sängerinnen Stefanie Heinzmann, Judith Holofernes von Wir sind Helden, Stefanie Kloß von Silbermond und Eva Briegel von Juli. Dann kam Miss Meyer-Landrut mit ihrem Lied „Satellite“, und seitdem rotiert die Nation im „Wir sind Lena“-Rausch. Denn im Grunde wären wir alle gern ein bisschen so wie sie: cool, authentisch, ungeheuer lässig und dabei auch noch ein wenig verrückt. Es kommt ja nicht so häufig vor, dass wir stolz sind auf unser Land. Eine ähnliche Euphorie erlebten wir zuletzt 2006 bei der Fußball-Weltmeisterschaft. Weil auch da alle plötzlich feststellten: Hoppla, die Deutschen sind ja gar nicht so steif, spießig und verklemmt, wie wir immer dachten. Lenas Gesangsstil ist genauso eigenwillig wie ihr Englisch. Trotzdem lassen wir uns viel lieber von ihr im Ausland vertreten als von Guido Westerwelle oder den Unterschichtenkandidaten, die sich bei „DSDS“ bewerben, denn die können ja nicht einmal Deutsch. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Auch die Generation Lena will Karriere machen, sich dabei aber nicht verbiegen lassen. Charlotte Roche sagt schon mal eine Fernsehsendung ab, wenn ihr das Konzept nicht passt. Ihren Bestseller wollte zunächst auch kein Verlag haben, trotzdem schrieb sie ihn nicht um. Judith Holofernes bringt erst dann mit ihrer Band das nächste Album raus, wenn es ihr gefällt. Da kann die Plattenfirma noch so drängeln. Und statt wie die Semi-Promis durch Talkshows zu tingeln, hat sich Lena in den letzten Monaten lieber auf ihre Abiturprüfung vorbereitet. Bei Giulia, Gülcan und Gina-Lisa findet jeder Teil ihres Lebens öffentlich statt. Die Suche nach einem Mann, die sogenannte Traumhochzeit und danach die unvermeidliche Scheidung werden zu Unterhaltungsshows verarbeitet. Lena hat bis heute nicht verraten, ob sie überhaupt einen Freund hat – und wie ihr Kinderzimmer aussieht, wissen wir auch nicht. Sie kommt aus gutem Hause, ihr Großvater war Diplomat, sie hat es nicht nötig, mit schmutzigen Enthüllungen auf sich aufmerksam zu machen. Damit ist sie auch ein gutes Vorbild für unsere Kinder. Durch sie bekommen sie mit, dass sich eine ordentliche Ausbildung letztlich doch mehr auszahlt als eine Knastvergangenheit, Drogenerfahrungen und andere Exzesse.

Während Verona Pooth noch von der Presse gemacht und vorgeführt wurde, lassen sich die neuen Frauen von den Medien weder einschüchtern noch einspannen, nicht mal von der „Bild“- Zeitung. Sie gehen erfrischend unverkrampft damit um, in der Öffentlichkeit zu stehen, schließlich sind sie mit Internet und iPod aufgewachsen. Diese jungen Frauen, die in den 80er- und 90er-Jahren geboren wurden, besitzen ein Selbstbewusstsein und eine Lässigkeit, von der wir Älteren nur träumen können. Woran liegt das? Die Enkelinnen von Alice Schwarzer sind die erste Generation überhaupt, die Emanzipation nicht nur als Kampfparole kennt, sondern tatsächlich erlebt hat. Ihre Väter haben nicht nur den Müll runtergebracht, sondern sind auch mal zu Hause geblieben, um sich um die Kinder zu kümmern, während ihre Mütter arbeiten gingen. Sie haben gesehen, dass Frauen nicht nur Chef, sondern sogar Kanzlerin werden können. Sie konnten mit einem gesünderen und ausgeglicheneren Frauenbild aufwachsen als noch die Generation vor ihnen. So haben sie gelernt, dass man sich auch durchsetzen kann, ohne dabei dogmatisch oder verkrampft zu sein.

Die Feministinnen können stolz auf sie sein. Wir sind es auch, weil die neue Frauenbewegung uns zeigt, wie man seinen Weg gehen und dabei trotzdem lässig und cool bleiben kann. Und es ist sehr beruhigend zu sehen, dass man dabei nicht einmal perfekt sein muss. Denn genau das ist Lena schließlich auch nicht.

Ihnen gefällt Lenas Look? Bei ihren Auftritten trägt sie fast immer schwarze Kleider, deshalb hat PETRA die Top Five des kleinen Schwarzen inklusive Styling zusammengestellt. Hier gehts zu den Looks.

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Schlagworte
Events | Musik | Stars | Lifestyle
Autor
Christine Mortag