Kultur

Trend Nur k(l)eine Hemmungen

Porno ist salonfähig geworden, ja angesagt sogar – und niemand verkörpert diesen Trend besser als Pornoqueen Sasha Grey. Ihr Schatz wird sie kennen – und Sie jetzt auch.
Sasha Grey
  

Erinnern Sie sich noch an die doofen T-Shirts, die vor einigen Jahren in Mode waren? "Pornostar" stand drauf, obwohl die Trägerinnen meist ziemlich brav aus der Wäsche guckten. Das war natürlich Ironie. Heute ist man sich da nicht mehr so sicher. Porno boomt – auch bei Frauen. Mehr als 70 Millionen Mal verkauften sich E.L. James’ Bücher der Trilogie "Shades of Grey", deren Inhalt sich problemlos mit einem Songtitel der Ärzte zusammenfassen lässt: "Manchmal haben Frauen ein kleines bisschen Haue gern."

"Feuchtgebiete" von Charlotte Roche, der "Zotenkönigin von Muschiland" ("Stern"), brach ähnliche Verkaufsrekorde. Selbst in mit Justin-Bieber- und Pferdepostern dekorierten Mädchenzimmern ist Porno inzwischen zu Hause: Egal ob Rihanna oder Lady Gaga – man zeigt, was man hat, und wackelt mit dem Arsch dazu. Doch Sasha Grey schlägt sie alle. Gerade 18 geworden, schreibt das Mädchen aus Sacramento im April 2006 eine Bewerbung, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt: "Ich sehne mich nach allen Formen sexueller Perversion. Ich bin bereit, der Stoff zu sein, der jede Fantasie erfüllt." Ein paar Wochen später bekommt sie ihre Chance: Im San Fernando Valley, dem Zentrum der amerikanischen Sex-Industrie, dreht Sasha Grey ihren ersten Porno – eine Orgie mit zwölf Teilnehmern. Schon jetzt tut sie Dinge vor der Kamera, bei denen andere Frauen nicht einmal zuschauen würden. Was treibt dieses Mädchen an, das gerade mal anderthalb Jahre zuvor seine Unschuld verloren hat?

Warum spielen Frauen in Pornos mit?

Die Ärztin Dr. Sharon Mitchell gibt in dem Dokumentarfilm "9 to 5: Days in Porn" eine mögliche Antwort: "Manche Frauen drehen an ihrem 18. Geburtstag den ersten Pornofilm und glauben, das sei die Hintertür zu einer Hollywoodkarriere. Es ist allerdings nicht sehr wahrscheinlich, dass du die neue Meryl Streep wirst, wenn du deine Filmkarriere mit Schwänzen im Hintern beginnst." Mitchell weiß, wovon sie spricht – sie hat selbst in über 200 Pornos mitgewirkt. Nach einer Vergewaltigung, einer Hepatitis- und diversen anderen Infektionen wechselte sie das Fach. Auch Sasha Grey hat nach 270 Pornos den Beruf gewechselt. Ende September erscheint ihr Romandebüt "Die Juliette Society", über das sie selbst sagt: "Sie müssen sich den Roman wie ,Fight Club‘ vorstellen. Nur dass hier gevögelt und nicht geprügelt wird." Bereits jetzt wird das Buch als Nachfolger von "Shades of Grey" gehandelt, ein großer Hollywoodfilm ist in Planung. Ist Sasha Grey die Julia Roberts des Porno? Eine "Pretty Woman", die mit Charme und Talent aus der Gosse aufsteigt und es tatsächlich nach Hollywood schafft?

Was unterscheidet Sasha Grey von anderen Pornostars?

Sasha Grey Buch

Autorin Sasha Grey, ihr erstes Buch "Die Juliette Society" erschien am 23.September 2013. 

Es sieht fast danach aus. Schon allein optisch unterscheidet sich die Tochter eines griechischen Einwanderers von anderen Porno-Starlets: kleine Brüste, normale Lippen, weder Dayglow Mascara noch superreflektierendes Lipgloss. Ein reizendes Mädchen von nebenan. Geboren als Marina Ann Hantzis, ändert sie ihren Namen auch nicht in Cumisha, Naughtia, Uschi oder Miss Panther. Anna Karina wollte sie zuerst heißen – wie die französische Schauspielerin und Muse des Regisseurs Jean-Luc Godard. Sie entscheidet sich dann für Sasha Grey – wegen Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray" und dem Sänger der Band KMFDM, Sascha Konietzko. Mit zwölf beginnt sie, in Theatergruppen zu spielen, liest Anaïs Nin und Philip Roth, liebt die Filme von Werner Herzog und Lars von Trier. Am College belegt Sasha Grey die Fächer Film, Tanz und Schauspielerei – der Wille zur Kunst ist unbestreitbar da. Der Alltag in der Pornobranche sieht hingegen anders aus. 13.000 Filme werden jedes Jahr in L.A. produziert, die wenigsten davon haben eine Story. Es geht darum, Formen von Sex zu zeigen, die es noch nie zu sehen gab.

Gibt es wirklich keine Tabus?

"Es ist wahr, ich würde Dinge tun, die man möglicherweise niemandem zeigen kann", sagt Sasha Grey in einer großen Reportage des "Los Angeles Magazine": "schlagen, pinkeln, spucken, kotzen." Während sie ihre Wunschliste herunterspult, schaut sie züchtig und nachdenklich. "Aber keine Scheiße", schiebt sie ihr einziges Tabu hinterher. Etwa 400 Dollar gibt es für einen Blowjob, 1400 Dollar für eine Doppel-Penetration, und wer sich einer gespielten Vergewaltigung oder einem Gang Bang aussetzt, kann 5000 Dollar mitnehmen. Aber will man das? Selbst falls die Kasse stimmt: Wie viel Brutalität, Entwürdigung und Ekel kann eine Frau aushalten, ohne sich und ihre Gefühle zu verlieren? Sasha Grey hatte es nie leicht – Scheidungskind, zwei Väter, vier verschiedene Schulen, abgebrochenes College, Jobs als Kellnerin –, trotzdem erfüllt sie auch im abseitigsten Porno nicht das Klischee des Opfers. "Du musst deinen Namen zur Marke machen, daran glaube ich", sagt sie. Und nach einer kleinen Pause: "Doch irgendwann brennt man aus." Nur selten kommt vorher ein Ritter in weißer Rüstung angeritten und holt einen aus dem schmuddeligen San Fernando Valley ins glamouröse Hollywood. Aber genau das ist Sasha Grey 2009 passiert.

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Schlagworte
Kultur | Lifestyle | Sex | Stars
Autor
Jürgen Ziemer