Psychologie

Dossier: Essen Mama, Kekse, Kilos und Ich

Mädchen mit Cupcake

Schon in der Grundschule war ich pummelig, aber meine Mama schickte mich zum Ballett. Mit 16 machte ich die „Nach 18 Uhr nur Wasser“-Diät und lieh mir Mamas Gymnastikvideos. Mit 19 zog ich aus, aß das Falsche und legte fast 20 Kilo zu. In dieser Zeit ließ sich meine Mama scheiden und nahm selbst etwas zu. Ich habe es kaum bemerkt. Denn für mich hat meine Mama, seit ich in Kilos denke, immer eine Wahnsinnsfigur: wie auf diesem einen Foto, als sie 17 war, auf dem sie aussieht wie das Model Twiggy. Das soll gar kein Vorwurf sein. Im Gegenteil, sie hat vieles richtig gemacht und mir nicht bei jeder Träne einen Schokokeks in die Hand gedrückt. Trotzdem: Phasenweise fühlte es sich einfach blöd an, zwei Kleidergrößen mehr zu tragen als die eigene Mutter.

Oft stellte sich mir die Frage: Wie wurde aus meiner Schwester eine leidenschaftliche Hobbyköchin ohne Gewichtsprobleme und aus mir eine übergewichtige Vegetarierin? Schließlich haben wir doch die gleiche kulinarische Herkunft: Unsere Mama kochte leckere mediterrane Gerichte und beglückte uns oft mit kreativen Rezeptideen, während meine Klassenkameradinnen über die schweren Sahnesoßen ihrer Mütter meckerten. „Ich experimentierte schon 1993 mit Erdbeeren im Feldsalat“, erzählt sie bis heute stolz. Ich habe also Vielfalt und Genuss gelernt – und mich dem endlich auch wieder hingegeben. Dies Frühjahr verspürte ich in einem Restaurant plötzlich Appetit auf Jakobsmuscheln und Vitello Tonnato. Ich dachte: Mein Leben ist zu kurz für selbst auferlegte Ernährungsdogmen. Nur wenige Tage später aß ich mit einem Mann portugiesisches Käse-Schinken-Toast. Ich verliebte mich nicht nur in den Serrano-Schinken. Zurück zum Genuss – in der Liebe und beim Essen –, heißt seitdem mein neues Bauchgefühl.

Dass ich wahrscheinlich nie, wie meine Mama, Jeansgröße 36 tragen werde, habe ich mittlerweile akzeptiert. Diesen Sommer genossen wir beide übrigens Pizza, Pasta und Dolci an der Amalfiküste. Bei einem Glas Vino fragte ich sie, wieso sie mich nie auf mein Gewicht angesprochen hat. „Hätte ich meine Tochter noch mehr verletzen sollen? Ich habe doch gesehen, dass du dick und darüber unglücklich warst“, antwortete sie mir. „Aber ich habe darauf vertraut, dass du merkst, dass Liebe durch den Magen geht. Und ich meine die Liebe zu dir selbst.“

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Abnehmen | Ernährung | Familie | Fitness | Persönlichkeit