Kultur

Porträt des Autors Jonathan Franzen

Da werden seine Ex-Mitschüler staunen: Ausgerechnet der Typ mit der flatterigen Piepsstimme ist jetzt berühmt und begeistert uns mit seinem neuen Roman "Freiheit". Dabei hat den braven Boy aus Webster Groove in Missouri in den 70er Jahren niemand richtig erst genommen: Als Teenager fürchtete er sich vor Spinnen, Schlaflosigkeit und Mädchen und verehrte Peanuts-Held Charlie Brown, der ihn alles lehrte, was er übers Leben wissen will: Desillusionierung, und wie man damit klarkommt. Die Kunst, ein Außenseiter zu sein und sogar den Trick, wie man gute Literatur erkennt.

Bis heute liebt Jonathan Franzen Comics wie die Peanuts. Er ist sogar mal "as himself" in einer Folge der Simpsons aufgetreten. Mehr Ehre geht nicht - aber dafür hat Franzen auch hart gearbeitet. Während seine Kumpels in den 90er Jahren im Internet Karriere machen, sitzt er am Schreibtisch und verzweifelt an seinen Texten oder seiner unglücklichen Ehe. "Schriftsteller sein bedeutet Rauchen, Schreiben und mit niemandem reden", hat er mal gesagt. Als er sich 1994 von seiner ersten Frau trennt, brütet er gerade über seinem dritten Roman. Sein erster Weltbestseller "Die Korrekturen" wird ihn zehn Jahre seines Lebens kosten, und als er fast fertig ist, wirft er 80 Prozent des Textes in den Papierkorb und fängt von vorne an.

Keine Frage, der Typ mit der Hornbrille ist ein gnadenloser Perfektionist. Jeder Satz muss sitzen, jedes Wort soll wahrhaftig und lässig klingen. Das klappt, wir lieben seine Romane auch, weil man ihnen die immense Arbeit nicht anmerkt. Jonathan Franzen schaft es, Sinnsuche und Gesellschaftsprobleme mit großer Klugheit und Leichtigkeit zu erzählen - das gelingt übrigens auch im Roman "Freiheit" wieder. Er handelt von Moral und Ökologie, von einem Familiendrama und davon, dass Freiheit mehr ist, als alles kaufen zu können und überall hinzureisen.

Für dieses Buch landete Jonathan Franzen sogar auf dem Titel des amerikanischen Time-Magazin, das schaffen normalerweise nur Präsidenten oder das iPhone. Ein Erfolg, der klingt wie aus einem Roman von Jonathan Franzen: Ein komischer Einzelgänger verarbeitet die Verletzungen seiner Kindheit und staunt insgeheim über die merkwürdigen Haken, die das Schicksal manchmal schlägt. Bravo! Deshalb mögen wir ihn: Denn genauso fühlen wir uns manchmal auch.

Jonathan Franzen: Freiheit, Rowohlt, 736 Seiten, 24,95 Euro

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