Kultur

Interview Louise Jacobs

Wie kleine Maschinen stehen wir jeden Morgen auf und meistern unseren Alltag. Was aber, wenn man nicht so läuft, wie man soll? PETRA-Autorin Christine Fenger sprach mit Kaffee-Erbin Louise Jacobs über das Straucheln – und wie man wieder aufsteht.
Louise Jacobs
  

Wackeln die Absätze, bringen wir die Pumps zum Schuster. Wenn das Auto am Straßenrand liegen bleibt, rufen wir den ADAC. Ein gutes Gefühl, dass es fast für jedes Alltagsproblem eine Lösung gibt. Aber was, wenn man merkt, dass man selbst nicht mehr funktioniert? Etwa, weil die Erwartungen der anderen nicht erfüllbar sind und man daher tiefer in der Krise steckt, als man wahr haben will – obwohl ja streng genommen alles da ist und man glücklich sein könnte? Wir fragen Louise Jacobs, 31, Kind der Kaffeeröster-Dynastie Jacobs. Bei ihr sah alles nach einer vorgezeichneten Karriere aus: Ihr Großvater baute einst das Unternehmen in Bremen auf, noch heute sind die Jacobs schwerreich. Louise Jacobs wuchs wohlbehütet in der Schweiz auf. Doch schon in der Grundschule fiel auf, dass sie anders ist: Schreiben lernte sie nur mit großer Mühe, und beim Rechnen sah sie Farben statt Zahlen. Die hohen Ansprüche ihrer Eltern wurden enttäuscht, als die kleine Louise zum rebellischen Teenager heranwuchs und lieber Skateboard fuhr, als pünktlich zum Nachhilfeunterricht zu erscheinen …

Berlin, ein Café in Charlottenburg. Louise Jacobs springt zur Begrüßung auf und strahlt über das ganze Gesicht. Trotz winterlicher Eiseskälte ist die Laune gut: Ihr Buch „Fräulein Jacobs funktioniert nicht – Als ich aufhörte, gut zu sein“ liegt nach gut zwei Jahren Arbeit endlich in den Läden. Nach einem kurzen „Hallo“ ist klar, dass Louise Jacobs, obwohl hineingeboren in die bessere Gesellschaft, herzhaft fluchen kann.

PETRA: Eine große Boulevard-Zeitung nannte Sie neulich „Kaffeeprinzessin“ …

Louise Jacobs: Das bedeutet, ich kann nun endlich Prinz Edgar von Eduscho heiraten! Nee, jetzt mal ehrlich, den gibt’s natürlich gar nicht. Ebenso wenig wie diese „Kaffeeprinzessin“. So ein Scheißdreck!

Sie sind mit fünf Geschwistern in Zürich aufgewachsen. Welchen Weg hatten sich Ihre Eltern für Sie vorgestellt?

Die wollten einfach, dass ich gut in Mathe, Biologie und Französisch bin. Doch ich war Legasthenikerin und Dyslektikerin, wusste nicht, ob 46 größer oder kleiner ist als 164. Als Kind und Jugendliche habe ich unzählige Therapien gemacht, die alle nichts bewirkten. Über mich gibt es stapelweise Akten. Jetzt habe ich diese Analysen zum ersten Mal gelesen – ich war teils belustigt teils schockiert. Unfassbar, wie man das Verhalten eines elfjährigen Mädchens mit dieser typischen Astronautensprache beschreiben kann.

Angenommen, Sie könnten die Louise von damals treffen und ihr einen Rat geben – wie würde der lauten?

Ich würde ihr sagen, dass sie ein super Mädchen ist, egal, was die anderen über ihre weiten Pullover und weißgelb gefärbten Haare sagen. Das würde ich übrigens jedem Mädchen in diesem Alter erklären! Jeder Einzelne hat Stärken und Qualitäten. Aber ich habe nie Bestätigung bekommen, dass ich in irgendwas gut bin: Immerhin konnte ich ganz gut zeichnen und war eine prima Feldhockeyspielerin. Man erklärte mir immer nur, was ich alles nicht kann. So etwas kann traumatisch sein.

Richtig glücklich waren Sie offenbar erst, als Ihre Eltern Ihnen mit 15 erlaubten, eine Highschool in Vermont zu besuchen. Trotzdem haben Sie die Schule nach dem ersten Jahr abgebrochen – warum?

Tja, das frag ich mich manchmal auch. Und manchmal nehme ich’s mir übel, dass ich diese drei Jahre nicht durchgehalten habe. Aber ich glaube, da kamen viele Dinge zusammen: Mein Selbstbewusstsein war geschwächt durch meine Vergangenheit, und ich wollte mit aller Kraft ein neuer Mensch werden, die alte Louise komplett ablegen. Außerdem lebt man in einem Internat 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche mit Menschen zusammen, was überhaupt nicht mein Ding war. Dazu kamen der schulische Druck und der Wunsch, meinen Eltern zu beweisen, dass ich es auch ohne Therapie schaffen kann. Schließlich gab es noch eine unglückliche Liebesgeschichte – woraufhin ich mich komplett abgeschottet habe. Dass ich aufgehört habe zu essen, war eigentlich die logische Konsequenz aus all dem.

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Schlagworte
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Autor
Christine Fenger