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Leben Das Leben ist kein Streichelzoo: Warum es sich lohnt öfter mal den Boxhandschuh auszupacken

Frau ist stark mit Boxhandschuh

Eine ordentliche Schippe voll Sand hätte sie verdient, mitten rein in die adrette Flechtfrisur. Sodass es mindestens drei Spülgänge braucht, bis ihr Kopf nicht mehr knirscht. Dumm nur, dass im Büro gerade keine Schaufel herumliegt. Und außerdem machen Mädchen das ja nicht: schubsen, raufen, andere aus Wut mit Sand beschmeißen – das gehörte sich schon früher auf dem Spieli nicht, und jetzt noch viel weniger, noch nicht mal, wenn die Widersacherin in der Konferenz gerade dreist die eigene Idee als ihre verkauft hat. Da hält man sich besser brav zurück, wahrt die Harmonie und hebt sich den Wutausbruch für den Feierabend auf, oder?

Tough sein ohne auszurasten

„Anecken, widersprechen und aufmucken, das sind keine Fähigkeiten, die einem in Schule und Elternhaus primär vermittelt wurden“, sagt Christian Bischoff, Persönlichkeitstrainer und Buchautor („Selbstvertrauen: Die Kunst, dein Ding zu machen“, Ariston, 288 S., 19,99 €). „Dabei ist es viel gesünder, öfter mal auf den Tisch zu hauen und die Dinge zur Sprache zu bringen.“ Das gilt nicht nur für den Job, sondern für sämtliche Lebensbereiche – wenn der Vermieter ärgert, die Schwiegermutter austeilt oder der gelackte Typ im Mercedes den Parkplatz klaut. Ausnahmsweise mal nicht klein beizugeben, wenn die Freundin sich am anderen Ende der Stadt treffen möchte. Tough zu kontern, wenn der Kollege einen Chauvi-Spruch bringt. Und dem KfZ-Monteur gepflegt die Meinung zu geigen, wenn er mehr als nötig in Rechnung stellt. Bloß, wie setzt man sich zur Wehr, ohne auszurasten? Wie entwickelt man den nötigen Kampfgeist – den uns nie jemand beigebracht hat? „Man kann ihn trainieren wie einen Muskel“, sagt Bischoff. Dabei ist Kampfgeist nicht zu verwechseln mit Aggression oder Wut. Es geht eben nicht darum, sich in eine tollwütige Zicke zu verwandeln und blind um sich zu schlagen. Nicht zufällig sind viele Techniken, seinen Kampfgeist für Alltag und Job zu schulen, dem Kampfsport entlehnt.

Test: Wie selbstbewusst sind Sie?

„Dabei lenkt der ,Geist’ die kämpferische Energie in erfolgreiche Bahnen – und nicht in destruktive“, sagt die Boxtrainerin und Juniorprofessorin an der Uni Berlin, Heather Cameron. In ihren Boxcamps verhilft sie Frauen zu mehr Durchsetzungskraft und Selbstbewusstsein. „Viel wichtiger als Aggression und Körperkraft sind Improvisationstalent und eine gute Reaktion, um einen Kampf zu gewinnen“, sagt Cameron.

Daher lautet ihre Kampfgeist-Regel Nr. 1: Nimm’s sportlich.

„Betrachten Sie eine Situation, die Ihnen sonst Angst macht, mal spielerisch. Versuchen Sie, das Ganze neutral einzuschätzen und sich auf Ihr Gegenüber einzustellen. Worum geht es hier eigentlich? Eine kleine Provokation, ein ernstes Problem?

Daran knüpft Regel Nr. 2: Kenne deinen Gegner!

Es gewinnt, wer seinen Blick schult, wer aufmerksam und konzentriert ist. Man kann viel aus den Augen lesen. Wirkt der andere unsicher oder wild entschlossen? Jemandem, der Unsicherheit ausstrahlt, weil er etwa den Augenkontakt meidet, kann man leicht den Wind aus den Segeln nehmen: indem man sofort nachhakt, wie seine Aussage verstanden werden darf. Damit signalisiert man, dass man keine Angst hat. Im zweiten Fall sollten wir eine Weisheit des chinesischen Kampfsports verinnerlichen: Blicke wie ein Krieger; verhalte dich wie ein Krieger, dann bist du ein Krieger. Das gilt für die Kickboxerin wie für die Karrieristin. „Der feste Blick, die sichere Attitüde sind es, die das entsprechende Innere erzeugen“, so Cameron. „Man darf gegnerische Einschüchterungsversuche nicht an sich heranlassen. Wer dagegen selbstbewusst und klar auftritt, kann von vornherein das Blatt wenden.“

Schließlich folgt Regel Nr. 3: Je mehr man auf einen Angriff gefasst ist, desto geringer hält man das Verletzungsrisiko.

„Beim Boxen lernen wir, mit Angriffen zu rechnen und Spaß daran zu entwickeln“, sagt Cameron. „Selbst in den Angriff zu gehen, dabei immer spielerisch und mit einer gesunden Portion Aggression. Natürlich müssen dafür nicht gleich alle in den Ring steigen. Es genügt auch, immer wieder bewusst daran zu denken, dass nicht alles harmonisch ablaufen muss.“ Wenn die Kollegin sich an den eigenen Ideen bedient, nicht gleich verzweifeln, innerlich schäumen und still vor sich hin leiden. Sondern sagen: Hey, das war mein Einfall. Schon vergessen, dass wir vorhin darüber gesprochen haben?“

„Halten Sie Augenkontakt, wenn Sie so ein Problem ansprechen, damit der andere weiß, wie ernst es Ihnen ist“, rät auch Tatjana Strobel, die ein Buch zum Thema „Die hohe Kunst der Selbstdarstellung“ (Goldmann, 256 S., 12,99 €) geschrieben hat. „Und vermeiden Sie alles, was defensiv wirken könnte.“ Nicht die Arme um den eigenen Körper schlingen, so als müssten Sie sich festhalten. Stattdessen Kinn anheben und alle Muskeln anspannen. „Eine aufrechte Körperhaltung führt dazu, dass Sie sich auch innerlich mit dem anderen auf Augenhöhe fühlen.“ Wem es dann noch gelingt, Klartext zu sprechen, sachlich zu bleiben und den anderen freundlich, aber bestimmt in seine Schranken zu weisen, bietet keinerlei Angriffsfläche für Beleidigungen und sarkastische Bemerkungen.

Zickenkrieg im Job
Zickenkrieg? Nein, danke!

Das Selbstbewusstsein coachen

Um sich mehr Siegeswillen zuzulegen, kann man sich auch eine Collage basteln: mit lauter Ausschnitten von Menschen, die das Gewinner-Gen haben, sich ihrer Sache sicher scheinen und die Sie für irgendetwas bewundern. Dazu kleben Sie noch ein paar Bilder von sich selbst, die Sie wirklich super finden. „Träumen Sie sich hinein in das, was Sie sehen, und stellen sich vor, wie sich Ihre eigene Siegeraura entfaltet und welche positiven Effekte Sie damit erzielen werden“, rät Persönlichkeitscoach Strobel.

Wer in Stresssituationen dazu neigt, hysterisch oder allzu emotional zu werden, sollte sich laut Strobel Folgendes vor Augen führen: Derjenige, der Sie auf die Palme bringt, ist sicher alles andere als perfekt. Vielleicht hat er auch einfach mies geschlafen oder schlechte Erfahrungen gemacht. Das entschuldigt sein Verhalten natürlich nicht – hilft Ihnen aber, am Boden zu bleiben und noch einmal tief durchzuatmen, ehe Sie moderat zum Gegenschlag ausholen.

Am besten übt man so einen Haken mit Fliegengewichten, bevor man in den großen Boxring steigt – sagt dem Marktschreier, dass seine überteuerte Mango steinhart war. Lässt sich von Schwiegerpapa nicht ständig ins Wort fallen. Und wird von Mal zu Mal souveräner und stärker, bekommt vielleicht sogar richtige Kampfeslust.

„Die Klügere gibt nach“ gilt künftig also nur noch bedingt: „Manchmal darf man eine Situation sogar zum Eskalieren bringen“, sagt Christian Bischoff. Nur lohne es sich ganz sicher nicht für jede Lappalie. Wenn einen die Sache nicht weiter tangiert, kann man sich auch mal seinen Teil denken, gelassen lächeln – und sich erfreulicheren Dingen widmen. Oder zwei Meinungen nebeneinander stehen lassen. Wie sagen die Engländer so schön? „We agree to disagree.“ Was so viel heißt wie: Wir stimmen darin überein, in dieser Sache nicht einer Meinung zu sein. Das kann man im Zweifel auch einfach mal so stehen lassen.

Hometrainer FÜR EINEN STARKEN WILLEN

AUF SICH KONZENTRIEREN

Nehmen Sie Ihre Leidenschaft als Motivationsquelle, statt nur die Konkurrenz ausstechen zu wollen. Wer seinen eigenen Weg geht, kann nämlich von niemandem überholt werden.

STREIT ANZETTELN

Mut ist, eine Sache trotz Angst anzugehen. Und nicht: keine Angst zu kennen. Stellen Sie sich einem Konflikt, statt ihn zu umschiffen – und spüren Erleichterung statt Magengrummeln.

KRITIK ERTRAGEN

Es muss nicht jeder Ihrer Meinung sein. Richten Sie Ihren Kurs also nicht danach aus, wo am meisten genickt und geklatscht wird. Standfestigkeit verdient den größeren Respekt.

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Schlagworte
Charakter | Karriere | Lifestyle | Lifestyle Home
Autor
Katja Bosse