Kultur

Comeback der 90er

In der Mode, in der Musik, im Nachtleben: Die Nineties sind zurück. Kein Wunder: Das Jahrzehnt war zwar kindisch und geschmacklos - aber von einer Sorglosigkeit, die wir heute ganz schön vermissen.
90er
   

Am vergangenen Samstag öffnete ich die Tür zu einem Hamburger Club und landete im Jahr 1992. Junge Mädchen in Chucks und Karohemden rockten ab zu einem Nirvana- Song, dass ihre Zöpfe flogen. Sie gaben sich große Mühe, gleichzeitig böse, gelangweilt und sexy auszusehen. Am nächsten Tag rief mich eine alte Freundin an und erzählte von einem Wochenende in Wien. Sie war von der gleichen Zeitmaschine verschluckt worden wie ich. „In den Szene-Läden stehen alle auf Eurotrash!“, berichtete sie schockiert. „Hyper, Hyper!“, riefen wir wie aus einem Mund. Danach schwiegen wir einen Moment und legten eine Gedenkminute für unsere eigene Jugend ein. Jetzt war es so weit. Sie hatte uns eingeholt. „Sing Hallelujah“! 

Die 90er-Jahre waren wie eine bunte Wundertüte

Die Neunziger sind zurück. Nicht nur als ironisches Zitat im Nachtleben. Marc Jacobs schickt seine Models in Plastikröcken über den Laufsteg, die sich auch super auf einem der ersten Love-Parade-Trucks gemacht hätten. Knallfarben, Mottoshirts, Collegejacken und Sneakers mit Plateauabsätzen stolpern aufs Neue ins Rampenlicht. Und das singende Mädchen von nebenan ist auch wieder da, sie heißt nur nicht mehr Tracy Chapman, sondern Adele. Selbst die gute alte Popliteratur stapelt sich wieder in den Buchhandlungen. Egal, dass Benjamin von Stuckrad- Barre längst im grauen Einreiher bei Plasberg zu staatstragenden Themen talkt – wir haben Sarah Kuttner und Charlotte Roche.

Zu viel Zitat, um Zufall zu sein. Es scheint, als habe uns die große Sehnsucht nach einem Jahrzehnt gepackt, das gleichzeitig oberflächlich und peinlich, sexy und lebensprall war. Eine Wundertüten-Dekade, in der noch alles möglich war, die Jahre vor der Sonnenfinsternis, bevor es zappenduster wurde. In mancher Hinsicht. Vielleicht müssen immer mindestens zehn Jahre vergehen, bis man genügend Abstand hat, um klar zu sehen. Von heute betrachtet ist es ziemlich eindeutig: Die 90er-Jahre waren das erste und letzte Jahrzehnt der Nachkriegszeit, in dem man richtig Spaß haben konnte. TV-Comedy mit Wigald Boning, Snowboarden in bunten XXL-Jacken, Bungee-Jumping. Wie haben wir es genossen, dass wir die bleischweren Achtziger endlich abschütteln konnten – mit ihren Öko-Ängsten (Tschernobyl! Waldsterben!), ihrer ewigen Raketenzählerei. Peace, man – was konnte uns noch passieren nach dem Ende des Kalten Krieges? Mit billigen Round-the-World- Tickets jetteten wir von Costa Rica nach Thailand, im Gepäck ein paar billige Sonnenbrillen mit kreisrunden Gläsern, farbig je nach Stimmung: gelb für Übermut, blau für den wohligen Blues, rosa für die Liebe.

Promotion
Anzeige
1 von 3
Schlagworte
Freizeit | Lifestyle
Autor
Verena Carl