Leselounge

Selbsttest Können Bücher unser Leben verändern?

Können Bücher unser Leben verändern? PETRA-Autorin Jana Michels verordnete sich ein „Lesejahr“. Sie verschlang 45 Geschichten – und lernte viel über Mut, das Glück und sich selbst
Frau mit Büchern
  

Als Kind verkroch ich mich gern mit einem Buch unter der Bettdecke, wenn sich die Welt – oder meine Eltern – gegen mich verschworen hatten. Beim Lesen konnte ich alles vergessen. Und ich lernte nebenbei aus den Geschichten, dass auch andere Menschen Probleme hatten und sich die meisten davon sogar lösen ließen. Mit den Jahren vergaß ich, wie gut es tut, sich an miesen Tagen von einem Buch auffangen zu lassen. Sicher war es kein Zufall, dass ich mich ausgerechnet an meinem 40. Geburtstag wieder daran erinnerte. Wobei man sagen muss, dass es mir nicht schlecht ging: Ich hatte einen tollen Mann, gute Freunde. Und doch stellte ich fest, dass ich unzufriedener wurde, weil sich in meinem Leben nichts mehr zu bewegen schien. Um mich herum zogen die Menschen in andere Städte, suchten neue Jobs, feierten Hochzeiten. Nur ich schien im Stillstand zu verharren. War es das jetzt? Oder kam da noch was?

Mein Tag für mich
Mehr Zeit für mich

Ein Lesejahr einlegen

Mein Liebster hatte mir zum Geburtstag ein Bücherregal gebaut – wie immer ein praktisches Geschenk, aber diesmal freute ich mich sehr darüber. Endlich konnte ich all die Bücher, die seit Jahren in zweiter und dritter Reihe standen, aus ihrem Schattendasein befreien. Auf einmal wusste ich, was ich zu tun hatte: Ich würde ein Lesejahr einlegen! Mir endlich Zeit für all die ungelesenen Bücher nehmen und mir vor allem bei jedem einzelnen überlegen, wie ich davon profitieren könnte. Ich baute Stapel, und am Schluss zählte ich 45. Sie alle würde ich innerhalb von 365 Tagen lesen.

Lesen als Therapie

Mit der Idee, das Lesen – und zwar nicht das von Sachbüchern oder Ratgebern – als eine Art Therapie zu sehen, bin ich nicht allein. Schon die Pharaonen betrachteten ihre Bibliotheken als „Heilstätten der Seele“. Heute nennt sich das Bibliotherapie und ist vor allem in den USA eine verbreitete Heilmethode bei Depressionen, Essstörungen oder ADHS. Wie Romane auf Rezept funktionieren, zeigt auch das Buch „Die Romantherapie“ (Insel, 430 S., 20 Euro) von Ella Berthoud und Susan Elderkin. Es empfiehlt für jedes Problem den passenden Lesestoff.

Meine mir selbst verordnete Lesetherapie ist nun bereits ein Jahr her. Zwölf Monate, in denen ich mich von Buch zu Buch treiben ließ – zunächst schienen die Bücher keinerlei Zusammenhang zu haben. Ich las einfach, was mich ansprach: Nina Georges „Das Lavendelzimmer“ (Knaur HC, 14,99 Euro), Christoph Meckels „Licht“ (Fischer, 6,95 Euro) oder Joan Didions „Das Jahr magischen Denkens“ (List, 8,95 Euro). Aber wenn ich jetzt zurückschaue, erkenne ich deutlich einen roten Faden: Viele der Bücher handeln von Menschen, die einen neuen Anfang wagen. Nina George lässt den Buchhändler Jean Perdu mit einem Hausboot durch Frankreich tuckern, um sich nach einer enttäuschten Liebe wieder dem Leben zu öffnen. Auch „Das große Los“ (Albrecht Knaus, 19,99 Euro) von Meike Winnemuth oder „Einfach losfahren“ (Diogenes, 9,90 Euro) von Fabio Volo, zwei Bücher, die ich sehr mochte, erzählen von Menschen, die sich auf Reisen neu erfinden.

Frau mit Abschluss denkt nach
So erfinde ich mich neu

Bestimmte Passagen verpassten mir einen Stich

Will ich insgeheim auch alles hinter mir lassen und von vorn anfangen? Nein, das nicht. Trotzdem versetzten mir Passagen wie die aus „Einfach losfahren“ einen Stich, weil sie mich da trafen, wo es wehtut. Fabio Volo lässt seine Hauptfigur Michele sagen: „Ich lebte ein Leben, das mir praktisch zugestoßen war. Ich hatte mich darin eingenäht wie in ein Kleid und war mit der Zeit zu der Überzeugung gelangt, es wäre meins. Obwohl mir ab und zu bewusst wurde, dass es an einigen Stellen ein bisschen zwickte.“ Auch ich hatte meine Ansprüche an mich und das Leben manchmal zu schnell aufgegeben. Sofort fielen mir Dinge ein, die ich unbedingt tun wollte, aber doch nicht tat. Warum hatte ich mich immer wieder verzettelt? Vielleicht war es bei mir so wie in der Geschichte von Mimi, „Je länger, je lieber“ (C. Bertelsmann, 19,99 Euro) von Alexa Hennig von Lange: Die Galeristin ist so mit ihrem Beruf verheiratet, dass sie ihr ganzes restliches Leben darüber vergisst. Bis sie ihren Jugendschwarm Bruno wiedertrifft. Während Mimi versucht, die Draufgängerin in sich wieder zum Leben zu erwecken, erkannte ich, dass es mir selbst nicht anders ergangen war.

Sicherheit statt Abenteuer

Früher glaubte ich an das scheinbar Unmögliche, unternahm gewagte Reisen, feierte wilde Partys. Doch dieses Ich streifte ich irgendwann ab, setzte auf Sicherheit. Und so flogen die Jahre vorbei, ohne dass ich sie richtig spürte. Als ich dann meinem Liebsten in einer Bar begegnete, fühlte sich das an wie nach Hause kommen. Vorher hatte ich so rastlos gelebt wie eine Wanderameise: zog ständig um, verliebte mich alle paar Wochen neu – bis ich die Vollbremsung machte. Heute wundere ich mich manchmal, dass die Umzugskartons schon so lange unbenutzt auf dem Dachboden stehen. Aber nach allem, was ich gelesen habe, weiß ich: Es erfordert Mut, nicht mehr weiterzuziehen – auch wenn man etwas gefunden hat, was es wert ist zu bleiben.

Frau mit Ballons
Wagen Sie einen Neuanfang

Vielleicht genoss ich es deshalb so, Geschichten über Neuanfänge zu lesen. In meinen Büchern war ich hautnah dabei, wenn Protagonisten das tun, was für mich gerade nicht infrage kommt. Aber im Kleinen könnte ich meinem Flucht - instinkt mal wieder nachgeben – und einfach drauflosleben, wie früher.

Wie findet man nun das Buch, das einem hilft? Man kann eine Seelenfreundin nach Lesetipps fragen. Oder in einen kleinen Bücherladen gehen und einen ganzen Nachmittag lang erste Seiten, Vorworte und Klappentexte durchstöbern. Die Bücher finden die Menschen, das weiß ich heute. Und wer etwas aus ihnen lernen will, stellt am besten auf einem Blatt die wichtigsten Erkenntnisse, Gedanken und schönsten Sätze seiner Post-its zusammen. Beim Durchlesen findet man den roten Faden und Antworten auf die Fragen, die einen so umtreiben. Und vielleicht sogar neue Ziele und Ideen. Dann heißt es losleben. „Bücher können vieles, aber nicht alles“, sagt der kluge Jean Perdu in Nina Georges „Das Lavendelzimmer“. „Die wichtigsten Dinge muss man leben. Nicht lesen.“

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